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Londoner Bankenbau von Rem Koolhaas : Es geht auch dezent

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Brüder, zur Sonne: Schlank und scheinbar fragil reckt sich die neue gläserne Zentrale der Rothschildbank aus dem erstickenden Baugewimmel der Londoner City Bild: Klaus Englert

Rem Koolhaas? Bisher galt er als der unerschütterliche Virtuose radikaler High-Tech-Architektur. In Londons City zeigt er sich mit dem neuen Verwaltungszentrum der Rothschildbank gemäßigt.

          3 Min.

          Die City of London ist unter den globalen Finanzplätzen einzigartig. Anders als zum Beispiel in Frankfurt fehlt ihr die Hierarchie konkurrierender Hochhaustürme. Zudem war Londons Zentrum niemals ein homogenes Stadtviertel, nie Ausdruck einer umfassenden Modernisierung, sondern stets ein Konglomerat architektonischer Aufs und Abs.

          Rings um die Bank of England ist an vielen Stellen der mittelalterliche Stadtgrundriss erhalten geblieben, da sich London selbst nach dem verheerenden Stadtbrand von 1666 nicht entschließen konnte, die labyrinthischen Straßenzüge zu ordnen. Dieser Ausgangslage waren sich Rem Koolhaas und Ellen van Loon vom Rotterdamer Office for Metropolitan Architecture (OMA) bewusst, als sie 2005 den Wettbewerb zur neuen Verwaltungszentrale der Rothschildbank in der verwinkelten Swithin’s Lane gewannen. Hinzu kam die Unternehmensgeschichte: am New Court, dem Standort des Neubaus, hatte 1809 Nathan Mayer Rothschild, Sohn des Frankfurter Dynastie-Gründers Mayer Amschel Rothschild, ein klassizistisches Gebäude erworben, das zum Pionierbau seines Banken-Imperiums und zum ersten einer langen Reihe Kette von einander ersetzenden Bauwerken wurde. Der letzte Neubau, der an die Stelle eines viktorianischen Bauwerks getreten war, entstand 1965, und musste, längst zu beengt, nun dem Projekt von OMA weichen.

          Mit effizienter Nutzung der Penetranz jüngerer Bauten trotzen

          Die Zerreißprobe zwischen historischer Stadtstruktur und dem Wunsch des Bauherren nach einem unverwechselbaren signifikanten Gebäude haben Rem Koolhaas und Ellen van Loon glänzend bestanden. Sie strebten nicht nach dem Spektakulärsten, obwohl die angesichts der räumlichen Nähe von Norman Fosters Swiss Re-Gurke und Renzo Pianos pyramidal gelängtem Wolkenkratzer „Shard“ nahe lag. Das neue Headquarter, das erste Gebäude von Koolhaas in seiner Heimatstadt London, fällt mit 75 Metern Höhe erst beim zweiten Hinsehen auf. SDas gilt ebenso beim Blick von der chaut man von der Millenium Bridge auf die neue Londoner Skyline, und selbst auf der nahe gelegenen King William Street unternimmt der neubau keinerlei Anstrengung, sich optisch in Szene zu setzen. Lediglich beim Blick in die schmale Querstraße von St Swithin’s macht das unverhofft der chaotischen City entwachsene Turmgebäude kolossalen Eindruck.

          Koolhaas wollte das eng begrenzte Grundstück im Gewirr der hoch verdichteten City „so effizient wie möglich“ nutzen und zugleich der Penetranz jüngerer Londoner Bauten, insbesondere Norman Fosters angrenzendem Office-Gebäude, trotzen. Das hatte nicht nur zur Folge, dass die Grundfläche der Hauptverwaltung um 65 Prozent vergrößert und, entgegen den rigiden Council-Richtlinien, etliche Höhenmeter hinzu gewonnen werden konnten. Es gelang OMA auch, ein seit dem 18. Jahrhundert verstecktes architektonisches Juwel von Christopher Wren wieder zum Vorschein zu bringen: St. Stephen Walbrook, eine Stadtkirche, die dem genialen Barockarchitekten 1680 als Vorentwurf für St Paul’s Cathedral diente - Koolhaas und Loon schnitten im neuen Kerngebäude, das rechts von der Rothschild-Bibliothek und links von einem großzügigen Foyer eingefasst wird, eine Passage ein, die nun überraschend den Blick auf Wrens Kirche samt einem einen neu gestalteten Hof freigibt; leider ist die Passage nicht zu einem wirklich öffentlichen Raum geworden: Wachpersonal achtet mit Argusaugen darauf, dass sich kein Unbefugter dem Durchgang nähert.

          Dialog durch die eigene Dezenz

          Genau das dementieren die stählernen Stützen, die als Kolonnaden nutzerfreundlich die Fußgängerzone begleiten, ehe sie sich auf der Glasfassade zu einer neogotisch anmutenden Tragstruktur verzweigen. Dennoch wird damit der öffentliche Raum deutlich vom privaten getrennt. So bleibt denn auch das von der Innenarchitektin Petra Blaisse mit einem zauberhaft transparenten Paravent unterteilbare Foyer den Bankangestellten vorbehalten.

          Für alle da ist dagegen die vielgestaltige äußere Großform: dem Kerngebäude, einem zehngeschossigen Kubus, hat OMA vier Annexe beigesellt, ein Flachbau für die Bibliothek, zwei Office-Türme und einen aufgeständerten, dreigeschossigen „Sky-Pavilion“. Letzterer ist als ausgenüchtertes Zitat des florentinischen Palazzo Vecchio der Medici-Dynastie gestaltet, erhebt sich über der weitläufigen Dachterrasse und tritt überraschend mit Wrens Kirchturm in Dialog.

          Wie nicht anders zu vermuten, sind die Ebenen des markanten Sky-Pavilion für das Management reserviert. Auf dem fünfzehnten Geschoß, der Bellevue-Empore, sollen sich prominente Global Players begegnen und die Aussicht über London genießen können. Und die ist wahrhaft faszinierend: Im Vordergrund erhebt sich Norman Fosters Gurke, daneben Richard Rogers maschinenhafte Lloyds Bank, etwas weiter entfernt „Shard“ und als majestätischer Hintergrund St. Paul’s Cathedral. Vor ihr neigt der dezente neue Glasturm wenn auch nicht realiter, so doch gestalterisch, respektvoll und damit souverän sein Haupt.

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