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London vor dem Gipfel : Nehmt ihnen ihren Porsche weg

Aus Worten werden Taten: Eine eingeworfene Fensterscheibe im Haus des Expräsidenten der Royal Bank of Scotland Fred Goodwin wird ersetzt. Bild: REUTERS

In London ist die Stimmung im Vorfeld des G-20-Gipfels extrem aufgeheizt. Verschiedene Aktionsgruppen haben zu Demonstrationen aufgerufen: Rhetorik droht in Gewalt umzuschlagen. Nicht nur Banker haben Angst.

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          Bloß keine Nadelstreifenanzüge, lautet im Vorfeld des mit tiefer Skepsis betrachteten Londoner G-20-Treffens die Weisung der Banken an ihre Angestellten. Da allein schon wegen der logistischen Herausforderung, die Politiker und Beamten von einem Ende der Stadt in die stets schwer erreichbaren Docklands zu befördern, mit erheblichen Störungen im öffentlichen Verkehrsnetz zu rechnen ist, empfehlen die Banken ihren Mitarbeitern, möglichst zu Hause zu arbeiten. Sofern sie in den ersten Apriltagen überhaupt ins Büro gehen müssen, raten Hausmitteilungen dazu, sich lässig und unauffällig zu kleiden und keine Firmenembleme auf Taschen oder anderswo sichtbar zu machen. So weit ist es gekommen, dass Banker um ihre Sicherheit fürchten müssen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Mit Parolen wie "Stürmt die Banken" und "Schlagt einen Banker" rufen diverse Aktionsgruppen zu Demonstrationen gegen den Kapitalismus auf. Gewiß finden sich unter den Wortführern die "üblichen Verdächtigen", die jeden Vorwand, von Krieg bis Klima, nutzen, um ihre Aggressionen gegen das System zu lüften. Der Kampfruf "Packt die Gelegenheit beim Schopf" verrät allerdings die Hoffnung, auch die Mittelschicht einspannen zu können, die ihren Zorn auf die Politik und das Finanzwesen sonst eher am Eichentisch in der Wohnküche äußert.

          Die City zurückerobern

          Am Tag des Gipfels wollen Demonstranten "an die Hoteltüren" der Teilnehmer schlagen und zum Messezentrum im ehemaligen Hafengebiet marschieren, wo die Wirtschaftsmächte zusammentreffen - ein derart seelenloser Veranstaltungsort übrigens, dass die internationale Verlagswelt auf die Barrikaden ging, als die Londoner Buchmesse ein einziges Mal dort stattfand. An dem zum "Financial Fool's Day" erklärten 1. April wollen sie die City "zurückerobern". Vier von den biblischen Boten des Weltuntergangs abgewandelte apokalyptische Reiter - ein roter symbolisiert den Krieg, ein grüner das Klimachaos, ein silberner "finanzielle Verbrechen" und ein schwarzer das Ende der gemeinschaftlchen Nutzung von Agrarland im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert - werden Karnevalszüge von verschiedenen Treffpunkten aus zum "Sündenpfuhl" in der City anführen. Dort werden blutige Abbilder von Bankern von den Laternenpfosten hängen, darunter der mit seiner Riesenabfindung zum Buhmann der Kreditkrise stilisierte Fred Goodwin.

          Christ Knight, ein marxistischer Anthropologie-Professor der University of East London, der zu den Köpfen einer der größten Dachorgansationen des Protests gehört, hat in einem Rundfunkgespräch mitgeteilt, er hoffe zwar, es werde bei abschreckenden Trockenübungen bleiben, aber, "um ehrlich zu sein, wenn er (Sir Fred) uns weiter auf die Palme bringt, werden leibhaftige Banker von den Laternenpfählen hängen". Wenn Gordon Brown Lockspitzel einsetze und die Polizei "ihren nuklearen Knopf drückt, werde ich meinen drücken", droht Knight, den seine Hochschule unterdessen von seinen Lehrpflichten entbunden hat, während sie seine Äußerungen prüft. Seine Organisation beruft sich auf die "Diggers", jene vorkommunistische Vereinigung, die im Englischen Bürgerkrieg die Abschaffung von Privateigentum und Knechtschaft forderte.

          Sachschaden einkalkuliert

          Für Knight beginnt die Revolution an diesem Samstag, nach dem Marsch "Put the People First" für "einen fairen, tragbaren Ausweg aus der Rezession", den ein Potpourri von Gewerkschaften, Wohlfahrtsgruppen, Anti-Kriegs-Demonstranten und Umweltorganisationen im Vorfeld des Gipfels koordiniert haben. Knights Gruppe will dafür sorgen, dass die Symbole des Kapitalismus und der Energieverschwendung die vom World Wild Fund für diesen Samstag um 20.30 Uhr Ortszeit weltweit anberaumte "Earth Hour" einhalten. Jedes Londoner Bürohaus, das sich diesem Zeichen für den Klimaschutz nicht anschließe, erklärt Knight zur berechtigten Zielscheibe. Menschen sollten nicht zu Schaden kommen, aber gegen Sachschaden habe er nichts einzuwenden. Man könne sicher sein, "auf die eine oder andere Art werden diese Lichter ausgeschaltet".

          Wenn es dem Riesenaufgebot an Sicherheitskräften nicht gelingt, der Lage Herr zu bleiben, und die hetzerische Rhetorik tatsächlich in Gewalt umschlägt, muss die britische Regierung einen Teil der Verantwortung tragen. Um vom eigenen Versagen abzulenken, hat sie den Hass auf die Banker geschürt und sie mehr oder weniger zu Freiwild erklärt. Gordon Browns Stellvertreterin Harriet Harman beschwor das "Gericht der öffentlichen Meinung" für den Fall, dass sich nicht juristisch gegen Fred Goodwins unmäßige Rente vorgehen lasse. Ihr Vorgänger John Prescott, der wegen seiner zwei Dienstwagen den Beinamen "two jags" erhielt, bloggte, Sir Fred sei zu dieser Rente nicht berechtigt. Es sei "Gier, Gier, Gier".

          Der Reiz der Anarchie

          Gordon Brown schließlich bezichtigte die Banker des schlechten Benehmens, als habe er nichts mit der ganzen Misere zu tun. Max Hastings, ehemaliger Chefredakteur des "Daily Telegraph", wollte sicher nicht beim Wort genommen werden, als er die "schamlosen Banker" mit den großen Eisenbahnräubern verglich und meinte, man müsse ihnen nicht nur die Porsche wegnehmen und sie verprügeln, sondern auch Steine durch die Fenster ihrer Häuser werfen, bis sie Reue zeigten. Genau das tat eine Organisation "Banker sind Kriminelle" wenige Tage später. Das sei nur der Anfang, drohte sie nach dem Anschlag auf Sir Fred Goodwins Haus in Edinburgh. London ist auf Anarchie gefasst.

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