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London : Tannenzapfen oder Gurke?

Raffiniertes System sich diagonal schneidender Stahlrippen Bild: KEYSTONE

Im Volksmund hat sich für das neue Wahrzeichen der Londoner Skyline der Spitzname "die erotische Essiggurke" durchgesetzt. Fosters elliptischer Rundturm hat vierzig Stockwerke und eine Bürofläche von rund 46.000 Quadratmetern.

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          Man stelle sich einen biegsamen Turm mit vertikalen Streifen vor, der mit einer sanften Korkenzieherbewegung ein-, zweimal rotiert wird. Jedes Stockwerk dreht sich, leicht versetzt, um die Achse; die Streifen aus graugetöntem Glas winden sich um die vom Kubus in einen sich nach oben und unten verjüngenden Rundbau verwandelte Form. Auf dem Bildschirm lassen sich diese Spielereien leicht vollziehen. Norman Foster hat sie mit der Bauplanungsfirma Arup für die Londoner Niederlassung der Swiss-Re-Gruppe, eines der führenden Rückversicherungsunternehmen, in die Tat umgesetzt und so dem herkömmlichen Rasterhochhaus eine neue Wendung gegeben.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Dem Neubau lag der Wunsch der Schweizer zugrunde, ihre auf fünf Standorte verteilten Londoner Mitarbeiter unter einem Dach zu vereinen und zugleich Raum für die mögliche Ausdehnung des Betriebs zu schaffen. Fosters elliptischer Rundturm, der sich in der Nachbarschaft des ergrauten Lloyds-Gebäudes von Richard Rogers besonders elegant ausnimmt, hat vierzig Stockwerke und eine Bürofläche von rund 46 000 Quadratmetern. Davon belegt Swiss Re mit achthundert Mitarbeitern zur Zeit nicht einmal die Hälfte. Die restlichen Etagen stehen zur Vermietung frei.

          "Erotische Essiggurke"

          Wie eine gigantische Rakete ist das Gebäude im Herzen der Londoner City aus dem Boden geschossen, dort, wo einst die 1992 durch eine IRA-Bombe zertrümmerte Baltische Terminbörse stand. Im Volksmund hat sich für das neue Wahrzeichen der Londoner Skyline der Spitzname "die erotische Essiggurke" durchgesetzt, so sehr die Auftraggeber auch auf der vornehmeren Bezeichnung "30 St Mary Axe" beharren mögen. Treffender wäre der Vergleich mit einem Tannenzapfen gewesen.

          Nicht umsonst nennt Foster die in der Natur auftretende "spiralige mathematische Sequenz" als eine Inspiration seines aerodynamischen Entwurfs, zumal sich die Deckschuppen ähnlich den dreieckigen Fenstern des Turms der Witterung entsprechend öffnen oder schließen. Dem passionierten Flieger diente auch die von dem Ingenieur Barnes Willis entwickelte Korbflecht-Stuktur des Wellington-Bombers als Vorbild, die der Maschine Widerstandsfähigkeit gegen Flakbeschuß gab. Man nannte sie "die fliegende Zigarre", und mitunter ist das Bild auch für das Swiss-Re-Gebäude verwendet worden. In die Ahnenreihe gehören allerdings auch Joseph Paxtons Kristallpalast, den Foster für den wichtigsten Bau des neunzehnten Jahrhunderts hält, und Buckminster Fuller, der skurrile Erfinder geodätischer Kuppeln, der unter anderem den utopischen Plan einer halb Manhattan überspannenden klimatischen Hülle hegte.

          Energiekosten sparen

          Der weitgehend natürliche Luftaustausch gehört mit dem Bemühen, möglichst viel Tageslicht ins Innere zu führen, zu den hervorstechenden Eigenschaften von 30 St Mary Axe. Der gebogenen Form liegt ein raffiniertes System sich diagonal schneidender Stahlrippen zugrunde, die in unterschiedlichen Winkeln zusammengeschweißt sind. Dank dieses tragenden Geflechts mußten die Flächen nicht durch Säulen durchbrochen werden. Überhaupt galt es, den klaustrophobischen Effekt herkömmlicher Bürohochhäuser zu vermeiden. So sind Fahrstühle und technische Einrichtungen in der Mitte des Turms untergebracht. Die kreisförmigen Stockwerke sind aufgeteilt wie eine Torte, wobei einzelne "Scheiben" jene über bis zu sechs Stockwerke reichenden Atria bilden, die Foster als "Lungen" des Gebäudes bezeichnet.

          Ein Steuerungscomputer öffnet die Glasklappen in der Fassade und versorgt die Räume mit Frischluft. Nur bei extremen Verhältnissen setzt die künstliche Klimatisierung ein: So soll sich so die Hälfte der Energiekosten sparen lassen. Auf Straßenebene windet sich zwischen Außen- und Innenhülle eine Einkaufsarkade um das Gebäude. Wie eine Rakete auf der Abschußrampe ruht der 180 Meter hohe Turm auf Stahlknoten, die aus der Erde zu wachsen scheinen. In den obersten Etagen öffnen eine - nur den hier Arbeitenden vorbehaltene - Bar und ein Restaurant den spektakulären Rundumblick auf das Londoner Panorama.

          Weitere Megahochhäuser

          30 St Mary Axe mag das erste Hochhaus in der Londoner City seit 25 Jahren sein; das höchste ist es nicht. Den Rekord hält Richard Seiferts Turm 42 (das ehemalige Nat-West-Hochhaus) von 1979. Aber die Entscheidung der Denkmalschutzorganisation National Heritage, sich Fosters Plan nicht zu wiedersetzen, hat - verbunden mit der Aufgeschlossenheit des zuständigen Ministeriums und der Stadtverwaltung für innovatives Bauen - anderen Projekten den Weg gebahnt. Die Genehmigungen für Renzo Pianos über dreihundert Meter aufragende Glaspyramide neben London Bridge und für Nicholas Grimshaws 217 Meter hohen Turm in der City liegen schon vor, und die Behörden beraten über ein weiteres Megahochhaus von Richard Rogers. Die Londoner Skyline verändert sich so dramatisch wie zu Christopher Wrens Zeiten.

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