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Neukonzeption des Kriegsmuseums : Im Banne des privaten Details

  • -Aktualisiert am

Gedankenblitz: Verbindungsglied zwischen den Ausstellungsteilen zur Schoa und zum Zweiten Weltkrieg im Imperial War Museum ist eine deutsche V1-Rakete. Bild: Museum

3500 Objekten auf einer Fläche von mehr als 3000 Quadratmetern: Das Imperial War Museum in London ist neu konzipiert worden. Einzelschicksale aus aller Welt stehen im Zentrum der Darstellung des Kriegs als auch des Holocausts.

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          Die britische Geschichtsschreibung da­tiert den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs oft auf den Tag der britisch-französischen Kriegserklärung gegen Deutschland vom 3. September 1939. Für die Po­len aber hatte der Krieg bereits drei Tage zuvor mit dem deutschen Überfall begonnen, und im Fernen Osten oder in Afrika waren die Feindseligkeiten noch früher ausgebrochen. Es kennzeichnet den An­satz, den das Londoner Imperial War Mu­seum bei seiner neuen Darstellung des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts gewählt hat, dass der 3. September 1939 nun nicht mehr als Datum für den Kriegsbeginn angegeben wird.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Denn es gilt, mit 3500 Objekten auf einer Fläche von mehr als 3000 Quadratmetern die britische Erfahrung in weltweiten Zusammenhang zu setzen und in allen Facetten zu demon­strieren, wie dieser „totale Krieg“ auf die Weltbevölkerung eingewirkt hat. Bei einem der interaktiven Elemente lassen sich die Sender eines Radios in der einem typischen kleinbürgerlich-britischen Wohnzimmer nachempfundenen Installation wechseln, um Berichte aus anderen Ländern zu empfangen. Im Abschnitt über die Evakuierung britischer Truppen aus Dünkirchen können Besucher die Schlagzeile für die Titelseite einer Zeitung auf dem Bildschirm zu­sammenstellen. Zur Auswahl stehen da: „Ein­geschlossen/Geschlagen/Tapferes Heer gerettet/entkommen/aus Frankreich vertrieben“. Diese Übung steht exemplarisch für die Vorgehensweise der Kuratoren: Sie wahren vorbildliche Unparteilichkeit, er­klären mittels klarer, bündiger Schilder, die weder für Erwachsene zu dumm sind noch über die Köpfe von Kindern hinweggehen, und überlassen die Kommentierung den Besuchern.

          Einzelschicksale aus aller Welt

          Oft werden dieselben Ereignisse aus un­terschiedlicher Perspektive erzählt, um das herkömmliche Narrativ zu hinterfragen. Jüngst erworbenes Filmmaterial mit Bildern japanischer Zivilisten, die den als größte militärische Niederlage der Alliierten bezeichneten Fall von Singapur An­fang 1942 bejubeln, dient zum Beispiel als Korrektiv der durch britische Berichte na­hegelegten Wahrnehmung, dass der Krieg im pazifischen Raum für den Feind nur aus Desastern bestanden habe. Oder Zeugenaussagen von Rekruten aus den Kolonien werfen ein anderes Licht auf die propagandistische Darstellung des nicht im­mer freiwilligen Beitrags des Empires zum Krieg. In diesem Zusammenhang wird auch der oft beschworene Mythos hinterfragt, dass Großbritannien allein ge­­standen habe im Kampf gegen Hitler.

          Erfahrungen deutscher Soldaten, die in britischer Kriegsgefangenschaft auf dem Land eingesetzt waren, werden ebenso aus deren Sicht als Fremde wie aus der ihrer „Gastgeber“ dargestellt. Zu den un­zähligen zu Herzen gehenden Objekten gehört ein Dackel auf Rollen. Er wurde von dem Kriegsgefangenen Walter Klemenz als Weihnachtsgeschenk für die Kinder „seines“ Landwirts aus einer alten Apfelkiste gebastelt. Hier ist er zusammen mit Fotos der beschenkten Kinder und einem jener Briefe ausgestellt, die Klemenz nach seiner Rückkehr in die Heimat an die Bauernfamilie schrieb.

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