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Lokale Wahlen : Die Mühen der Demokratie in Hartmannsdorf

  • -Aktualisiert am

Hartmanndorf: Nicht zuletzt dank Kerstin Nicolaus ein schöner Wohnort für Familien Bild:

In einem sächsischen Ort wurde eine Frau zur Bürgermeisterin gewählt, die gar nicht kandidiert hatte: Aus Eigeninitiative wählten die Bürger die suspendierte Kerstin Nicolaus zurück ins Amt. Doch schon droht die nächste Suspendierung.

          Wie viele Hartmannsdorfer ging Ullrich Schmidt an jenem warmen Junisonntag noch vor Mittag zum Feuerwehrhaus, dem Wahllokal, um eine Frau zur Bürgermeisterin zu wählen, die sich gar nicht beworben hatte. Auf dem Stimmzettel für die Wahl zum Bürgermeister stand wie erwartet nur ein Kandidat: Rolf Dittrich, parteilos, bis dato stellvertretender Bürgermeister von Hartmannsdorf. Schmidt nahm den Stift, übersprang den stellvertretenden Dittrich und schrieb den Namen seiner alten Bürgermeisterin hinzu: Kerstin Nicolaus.

          Von 747 Hartmannsdorfern, die an jenem Sonntag zur Wahl gingen, haben es 527 so gemacht wie Schmidt: Sie haben per Hand den Namen Kerstin Nicolaus auf ihren Stimmzettel geschrieben. Die CDU-Politikerin Nicolaus ist seit achtzehn Jahren Bürgermeisterin von Hartmannsdorf. Nur in den letzten drei Monaten vor der Wahl war sie es nicht. Das Chemnitzer Regierungspräsidium hatte sie von ihrem Amt suspendiert. Denn nach der Flut von 2002 stand in Hartmannsdorf plötzlich ein schmuckes neues Sportlerheim, und eine frisch sanierte Straße führte zu Nicolaus' Haus. Vor dem Hochwasser hatte es nur eine bessere Blechhütte und einen Schotterweg gegeben. Die Förderung hatte Nicolaus vom Freistaat Sachsen bekommen, indem sie falsche Angaben machte. Deswegen hat das Amtsgericht Zwickau sie inzwischen wegen Betrugs zu einer Geldstrafe verurteilt.

          Von Beruf Damenschneiderin

          Ullrich Schmidt sitzt acht Wochen nach der Wahl zufrieden im Gemeinschaftszimmer des Vereins „Heimatfreunde Hartmannsdorf e.V.“, einem kleinen, dunklen Raum im Dachgeschoss des Gemeindeamts. Die Handarbeitsfrauen, die sich hier alle zwei Wochen treffen, haben versucht, das Zimmer gemütlich zu machen. An den Wänden hängen Klöppelarbeiten, dazwischen gerahmte Bilder von den jüngsten Vereinsausflügen. Schmidt ist der Vorsitzende des Vereins. Glaubt man den Fotos, ist er mit seinen fünfzig Jahren auch der jüngste Heimatfreund in Hartmannsdorf. Beruflich ist Schmidt viel unterwegs in Deutschland, denn er arbeitet bei der Bahn. Privat hat er fast sein ganzes Leben in Hartmannsdorf verbracht. Um die Hartmannsdorfer Sicht auf die Dinge zu schildern, hat er eine Geschichtschronik, eine Landkarte und Postkarten mitgebracht. Schmidt will ganz von vorn anfangen. Von vorn heißt: im Jahr 1990.

          Kerstin Nicolaus: gewählt, ohne kandidiert zu haben

          Nach der Wende begann Kerstin Nicolaus ihre politische Karriere bei der CDU und wurde Bürgermeisterin von Hartmannsdorf. Schmidts Karriere war gerade zu Ende gegangen: Er war zu DDR-Zeiten Gemeindevertreter des kleinen Ortes gewesen. Zuerst dachte er, Nicolaus habe sich mit dem Amt übernommen. Seine Nachfolgerin war bis dahin von Beruf Damenschneiderin gewesen. Nun fuhr sie mit dem Rennrad und in kurzen Hosen von einer Amtshandlung zur nächsten.

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