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Zum Tod von Liu Xiaobo : Der große Einsame

Liu Xiaobo im Oktober 2010 Bild: EPA

Aus dem intellektuellen Rauhbein Liu Xiaobo wurde ein Kämpfer für ein demokratisches, nicht-zynisches China. Bis zuletzt hatte er für seine Ausreise gekämpft – jetzt ist der Friedensnobelpreisträger gestorben.

          Der Fall Liu Xiaobo wird – bis hin zu seinem nun unter der Überwachung von Sicherheitskräften eingetretenen Tod – als empfindliche Niederlage der Kommunistischen Partei Chinas in Erinnerung bleiben. Aufs ganze der Bevölkerung berechnet, dürften in China nur wenige den seit einem Jahrzehnt offiziell totgeschwiegenen Namen des Friedensnobelpreisträgers kennen. Aber die Intellektuellen, die seit den achtziger Jahren an den Debatten ihres Landes Anteil nehmen, wissen über den höchst individuellen, radikal friedfertigen Humanismus Bescheid, den Liu der jüngsten chinesischen Geschichte und seinem eigenen Temperament abgerungen hat und dem gegenüber sich der Machtzynismus des ihn verfolgenden Staats umso mickriger ausnimmt.

          Trauer um einen unbeugsamen Kämpfer: In Hongkong liegen Kondolenzbücher für den verstorbenen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo aus. Bilderstrecke
          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In der Gerichtsverhandlung, in der man ihn im Dezember 2009 schließlich wegen „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ zu elf Jahren Haft verurteilte, ging Liu mit seinem Plädoyer gegen eine „Psychologie des Hasses“ so weit, dass er den gesellschaftlichen Fortschritt Chinas in den letzten Jahrzehnten dem Fortschritt der Gefängnisse ablas, die er seit 1989 von innen sehen musste. Der gegenwärtigen Gefängnisleitung und insbesondere dem für ihn zuständigen Aufsichtsbeamten bescheinigte er „Respekt und Empathie“.

          Viele chinesische Dissidenten übten Kritik an so viel Versöhnungsbereitschaft, doch für Liu war sie nur der folgerichtige geistige Ausdruck seines Eintretens gegen einen abrupten Umsturz und für eine graduelle und friedliche Reform: „Schritt für Schritt, friedlich, geregelt, kontrollierbar und Interaktion zwischen Von-unten-nach-oben und Von-oben-nach-unten sind für mich die Schlüsselbegriffe für politische Reformen in China“, sagte er in einer getrennten Erklärung vor Gericht: „Denn auf diese Weise erzielt man mit den geringsten Kosten den größten Effekt.“

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          Nicht immer war das intellektuelle Profil dieses Mannes von solcher Konzilianz geprägt. Am 28. Dezember 1955 war er in der nordöstlichen Millionenstadt Changchun zur Welt gekommen. Während der Kulturrevolution teilte er das Schicksal seiner Generation und verbrachte mit seinem „aufs Land verschickten“ Vater drei Jahre in der Inneren Mongolei. Später arbeitete er ein Jahr als Wandmaler in einer Baufirma, bevor er verspätet sein Studium der Literaturwissenschaft zuerst in Changchun und dann in Peking aufnahm.

          Der australische Sinologe Geremie Barmé, der ihn Mitte der achtziger Jahre dort kennenlernte, hat einmal den Eindruck geschildert, den dieser ebenso scharfsinnige wie ungehobelte junge Dozent auf das universitäre Milieu damals machte: Mit seinen stotternd und häufig verletzend vorgebrachten Angriffen auf die nachkulturrevolutionäre Literatur, auf den neuen Konfuzianismus der Gelehrten und auf gutmeinende westliche China-Freunde verdarb er es sich mit den etablierten in- und ausländischen Akademikern gleichermaßen, während er unter den Studenten zu einem Star aufstieg. Sein erklärtes Vorbild war Nietzsche, dessen Mut zum Selberleben im Angesicht unausweichlicher Tragödien er seinen Studenten anempfahl. Die üblichen politischen Streitthemen langweilten ihn dagegen. „Wer sich auf einen trivialen Kampf einlässt, wird selbst trivial“, schrieb er 1983.

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