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Literaturwettbewerb : Klagenfurt: „Kläglich scheitert nur die Lobby“

  • -Aktualisiert am
Thor Kunkel las 1999 mit Erfolg in Klagenfurt
          2 Min.

          „Der Bachmann-Zirkus? - alles ein abgekartetes Spiel. Aber schaden kann es nicht, dass du eingeladen bist...“. Über den Klagenfurter Literaturwettbewerb gehen die Meinungen bekanntlich auseinander, aber die Worte des Verlegers Erich Maas klingen mir noch heute im Ohr.

          Was man in meinem Fall hätte abkarten können, war mir allerdings schleierhaft: Als „krasser Außenseiter des sogenannten Literaturbetriebes“ verdankte ich meine Nomination einer Literaturwissenschaftlerin. Meine sonstigen Kontakte zur Verlagswelt beschränkten sich eher auf liebenswürdige, aber bestimmte Absagen. Ich hatte auch nicht den „Häschen-Kurs“ absolviert, eine Art Inaugurationsseminar, das als Sprungbrett zum Wettbewerbserfolg betrachtet wird.

          Um ehrlich zu sein, bis zuletzt glaubte ich, alles würde sich als Verwechslung herausstellen, ein anderer Kunkel, vielleicht mit einem C vorne, würde an meiner Stelle zum Wettlesen fliegen. Aber der 20. Juni kam - und ich flog.

          Klagenfurt: Wenn man seit zehn Jahren in Amsterdam lebt, muss einem die Stadt in Kärnten zwangsläufig wie ein Relikt der „Heilen Welt“ erscheinen: Urlaub auf dem Lande, dachte ich beim Einchecken. Anschließend schlenderte ich zum O.R.F.-Theater in die Sponheimer Straße. In einem Abstellraum neben der Garderobe wurde ich von Robert Schindel begrüßt. Es klang ganz locker. Fast kollegial. Alles Unsinn mit dem abgekarteten Spiel, dachte ich noch.

          Aber schon beim ersten gemeinsamen Abendessen mit allen Teilnehmern und Juroren in der malerisch gelegenen „Loretta am See“ herrschte eine politisch geladene Atmosphäre zwischen den von Verlagshäusern angeführten Lobbies. Dass geklüngelt wurde an den Tischen, war deutlich, aber da ich damals fast niemand kannte, ignorierte ich das Tuscheln und die Seitenblicke und konzentrierte mich stattdessen auf mein Zanderfilet.

          Was habe ich nicht alles falsch gemacht: Anstelle wie zum Beispiel Stefan Beuse, der nach eigenen Auskünften einen auf Klagenfurt zugeschnittenen Text fabriziert hatte, glaubte ich einfach, den Anfang meines Romans vorlesen zu müssen. (“Hauptsache, ich finde es gut!“) Anstelle wie viele andere erfahrene Autoren den Kontakt, ja, das Tischgespräch mit den Juroren zu suchen, schaffte ich es, mich quasi hermetisch abzuschirmen. (“Was soll ich hier? Ich hasse smalltalk...“)

          Anstelle meinen Text einzustudieren und zu üben, erschien es mir ratsam, am Tag meiner Lesung wandern zu gehen. Als ich um zehn vor fünf im Studio auftauchte, verkehrte mein Lektor am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Bei der Lesung handelte es sich also wirklich um eine Premiere.

          Die Reaktionen der Jury hatte keiner voraussehen können: „Der 36-jährige Autor Thor Kunkel gilt am Ende des dreitätigen Wettlesens als klarer Favorit.“ (dpa) Wie bekannt, wurde es aber nicht der 1. sondern „nur“ der 2. Platz. (“Wärste mal nicht wandern gegangen...“, seufzte mein Lektor nach der Preisverleihung.)

          Fazit: Ja, sicher gibt es Lobbies in Klagenfurt - wie überall auf der Welt. Es gibt Klüngelparteien und Rufmord-Kampagnen, bornierte Juroren und Autoren, die versuchen, ihre Karten zu zinken. Es gibt vieles, was menschlich ist und sich aus der Natur des schreibenden Primaten erklärt, und doch hat Klagenfurt die immanente Tendenz, Qualität zu begünstigen.

          In einer Zeit, in der selbst seriöse Verlagshäuser den Büchermarkt mit literarischen Mogelpackungen überschwemmen, steht der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb als notwendige Form der literarischen Selbstbesinnung fernab von Show-Literaten und Fräuleinwundern. Gerade die Verlage brauchen dieses Momentum der Besinnung dringend.

          Klagenfurt ist ein Ort, an dem sie sich überzeugen können, dass sich Texte, die eine „Seele“ haben, mit spielerischer Leichtigkeit gegen Intrigen, Kabalen und Lobbyismus durchsetzen können und natürlich auch gegen abgekartete Spiele.

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