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Literaturpreis „Open Mike“ : Wildhüter begegnen Arztsöhnen auf der Jagd

  • -Aktualisiert am

Für ihre Kiezdeutsch-Etüde in Berlin ausgezeichnet: Doris Anselm Bild: Gezett

Das Nadelöhr von Neukölln: Beim Open-Mike-Wettlesen suchen Autoren mit Entschlossenheit nach dem prekären Milieu. Die Zuschauer verlangen nach Reizen jenseits der Literaturbetriebslogik.

          Herbst der Hoffnungen in Berlin: In einundzwanzigjähriger Tradition traten am zweiten Novemberwochenende junge und bisher unveröffentlichte Jungautoren zum Open-Mike-Wettlesen im Neuköllner „Heimathafen“ an. Wer den zweitägigen Wettbewerb gewinnt oder auf andere Weise Aufsehen erregt, tut dies unter den scharfen Augen und gespitzten Ohren der Verlagsscouts und darf sich womöglich über einen Vertrag fürs erste Buch freuen.

          Denn der Open Mike gilt nach wie vor als wichtiges Nadelöhr in den Literaturbetrieb, weshalb davor auch viel Andrang herrscht. Aus mehr als sechshundert Einsendungen müssen sechs Lektoren die zweiundzwanzig Finalisten auswählen - keine dankbare Aufgabe, möchte man meinen, und in den vergangenen Jahren war denn auch immer wieder zu hören, dass nur wenige Rosinen im Quarkkuchen seien. Diesmal aber nur entspannte Töne.

          Die Lektoren, allen voran Gunnar Cynybulk vom Aufbau Verlag, beschrieben die Auswahlprozedur als Genuss: viel Begabung unterwegs, und ein Luxus, Texte einmal nicht auf Verwertbarkeit und Marktchancen prüfen zu müssen, sondern sich ungezwungen ihren literarischen Reizen hinzugeben. Keine Jäger auf Beutesuche seien sie, sondern Wildhüter voller Wohlwollen.

          Eine klare Tendenz

          Wenn er dann jedoch die Autoren auf die Bühne mit „Jungtieren“ verglich, denen noch Schonzeit zu gewähren sei, war man geneigt, die Erwartungen wieder etwas herunterzuschrauben. Und in der Tat, ein großes Talent war beim diesjährigen Open Mike nicht zu entdecken. Stattdessen aber eine klare Tendenz: Die Nachwuchsliteraten, von denen viele ihr Handwerk an den Schreibschulen von Hildesheim, Leipzig oder Biel lernen und über deren bürgerliche Hintergründe - „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“ - kürzlich eine kleine Literaturbetriebsdebatte geführt wurde, machen sich entschlossen auf die Suche nach den prekären Milieus. Es mangelte in den vorgetragenen (und in der beim Allitera-Verlag erschienenen Anthologie nachlesbaren) Geschichten nicht an verwahrlosten Familien, an Müttern, die ihr Baby aus dem Fenster werfen, Vätern, die ihre Töchter quälen, oder Geschwistern, die gemeinsam Nachwuchs zeugen, während sie vom Arbeitsleben nichts wissen wollen. Alles, nur keine Arztsohn-Artigkeiten! Das hat oft etwas Ausgedachtes und Angestrengtes, sofern es nicht von Erfahrung gedeckt ist und einer klischeehaften Vorstellung von „Relevanz“ aufsitzt.

          Doris Anselms Geschichte „Die Krieger des Königs Ying Zheng“, die von der Jury (in diesem Jahr die Schriftsteller Björn Kuhligk, Andreas Maier und Marion Poschmann) mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde, ist denn auch kaum mehr als eine literarisch überformte Sozialstudie. Um ein Einkaufscenter geht es, das geschlossen werden soll, und um eine Clique von Jugendlichen, die seit Jahren dort ihre Freizeit verbringt und nun ortlos zu werden droht. Sie entschließen sich zu einer Geste des Protests: Kaum des Schreibens mächtig, verfassen sie einen Brief an die Geschäftsleitung, die allerdings so unerreichbar erscheint wie die oberen Gerichtsbehörden bei Kafka.

          Die 1981 in Buxtehude geborene, in Berlin lebende Autorin hat eine Etüde in linguistisch korrektem Kiezdeutsch verfasst. „Wir sitzen Springbrunnen“, räsoniert die Erzählstimme, „wir gehen ZooMann“ oder „der Brief ist jetzt schon mehrere Zettel“. Schwund von Präpositionen und Artikeln, grammatische Reduktion und Inversion, Floskeln wie „Wir schwören“ oder „Du weißt Bescheid“ - es ist alles da, was „relevante“ Jugendsprache nicht nur an sozialen Brennpunkten heute kennzeichnen soll. Aber nach all den Kiezdeutsch-Debatten, nach all den Fernsehfilmen, in denen Jugendliche so reden müssen, wirkt es als literarisches Stilmittel bereits unoriginell und ausgelaugt. Gewitzter sind die Motiv-Bezüge zu den Terrakotta-Kriegern des ersten chinesischen Kaisers.

          Das Sterben der Alten

          Den Schulhofgeschichten und literarischen Raucherecken, wo Redewendungen wie „Was geht, Dicker?“ oder „Du Opfer!“ pflichtgemäß ausgetauscht werden, standen auch diesmal wieder mehrere Geschichten gegenüber, die das Sterben der Alten thematisieren. Vom Tod des Großvaters handelt die mit dem zweiten Preis gewürdigte Erzählung „Die Holzmieten“ von Mareike Schneider, ein psychologisch überzeugendes Familiendrama. Aufwendig wird die Feier des fünfundsiebzigsten Geburtstages vorbereitet; keiner hat erwartet, dass der Großvater nach Tuberkulose und einem Herzinfarkt so alt werden würde. Er hat nur einen Wunsch: Die Angehörigen mögen doch bitte endlich das in Form von Holzmieten im Garten aufgestapelte Brennholz in den trockenen Schuppen hinüberschaffen.

          So tritt die Gesellschaft am Geburtstag, einem schwülen Sommertag, unwillig und schwitzend zum Holzschleppen an, bis der Opa das kaum noch mitansehen kann, selbst mitanfasst und sich dabei so überanstrengt, dass sein von der Familie längst erwarteter Tod wenige Stunden später eintritt. Die Pointe ist gut, aber ist das Sterben des alten Mannes deshalb „von Ironie überschattet“? Solche stilistischen Missgriffe beeinträchtigen die Lektüre der Geschichte. „Abzüglich Oma und Opa bestand die ganze Familie inklusive angeheirateter Mitglieder aus sieben Personen und hatte mehrheitlich gerade Urlaub beziehungsweise Sommerferien“ - leider ist die Sprache von „Die Holzmieten“ selbst ziemlich hölzern.

          Geschmeidiger, atmender, sinnlicher sind dagegen die Prosagedichte von Robert Stipling, die mit dem Lyrikpreis ausgezeichnet wurden. Sie erkunden die Welt aus dem Geist des Blumenladens mit seinen Dünsten, „dampfenden Topfpflanzen“ und „vorm Lavendel schwarwenzelnden Wespen“. Der Garten der Kindheit, die Angler am Ufer, störrisch über einen Hügel humpelnde Schafe - Naturbilder setzen in Stiplings Suada Kontrapunkte zur Selbstbefragung eines instabilen lyrischen Ichs in seinen zerbrechlichen Tagen. Hier waren sie tatsächlich zu vernehmen: die literarischen Reize jenseits der Literaturbetriebslogik, Texte, die Verlage in Verlegenheit bringen, weil sie in keinem Moment auf Marktchancen schielen.

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