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Literaturnobelpreis : Jelinek: „Spüre mehr Verzweiflung als Freude“

  • Aktualisiert am

Böse Ahnungen: Elfriede Jelinek Bild: REUTERS

Die überraschend mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Österreicherin Elfriede Jelinek spricht von einer „großen Ehre“, will aber nicht „an die Öffentlichkeit gezerrt“ werden. Zur Preisverleihung will sie nicht kommen.

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          Unerwartete Auszeichung für die deutschsprachige Literatur: Der Literaturnobelpreis geht in diesem Jahr an die Österreicherin Elfriede Jelinek.

          In einer ersten Reaktion hat sie die Verleihung des Preises als „überraschende und große Ehre“ bezeichnet. „Natürlich freue ich mich auch“, sagte Jelinek der Wiener Nachrichtenagentur APA. „Aber ich verspüre eigentlich mehr Verzweiflung als Freude.“ Sie eigne sich nicht dafür, „als Person an die Öffentlichkeit gezerrt zu werden“. Sie habe „böse Ahnungen“, daß der Nobelpreis eine Belastung für sie bedeuten werde, „denn man wird zur öffentlichen Person. Wenn mir das zuviel wird, muß ich weggehen. Was ich aber nicht möchte, denn ich lebe gerne hier“, meinte Jelinek.

          Sie werde zur Verleihung am 10. Dezember nicht nach Stockholm kommen. „Ich bin nicht körperlich krank, aber psychisch nicht in der Lage, mich dem persönlich auszusetzen“, so die Autorin. „Ich möchte mich zurückziehen und habe auch die letzten Preise nicht persönlich entgegengenommen.“ Sie hoffe, daß sie „das damit verbundene Geld genießen (könne), denn damit kann man sorgenfrei leben“. Sie betrachte den Nobelpreis nicht „als Blume im Knopfloch für Österreich“.

          Elfriede Jelinek 1999 in einem Wiener Café

          „Einzigartige sprachliche Leidenschaft“

          Die Auszeichung wird Jelinek verliehen, wie es in der Begründung heißt, „für den musikalischen Fluß von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen“.

          Elfriede Jelinek wurde am 20. Okt. 1946 in Mürzzuschlag/Steiermark geboren und stammt aus einer slawisch-jüdischen Familie. Mit verstörenden Romanen und Theaterstücken hat sie unter anderem die sexuelle Unterwerfung und den patriarchalischen Aggregatzustand der Gesellschaft harsch analysiert und sich auch politisch stets zu Wort gemeldet.

          Ihre Arbeit umfaßt Lyrik, Prosa, Theaterstücke, Hörspiele und Drehbücher. Dafür erhielt die produktive und umstrittene Autorin schon zahlreiche Preise, darunter 1998 den Georg-Büchner-Preis, 2002 den Mülheimer Dramatikerpreis und 2003 für ihr Gesamtwerk den Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis. Zu ihren bekanntesten Werken zählen der Roman „Die Klavierspielerin“ (1983) und das Theaterstück „Burgtheater“ (1985).

          Ein Bühnenverbot fürs Heimatland

          Mit ihrer Kritik an der angeblich geringen Bereitschaft ihrer Landsleute, sich ihrer Nazi-Vergangenheit zu stellen, wurde sie anfangs in Österreich ignoriert. Nach wachsender Anerkennung in Deutschland kamen auch die Kritiker in ihrer Heimat kaum noch an ihr vorbei. Nachdem die Autorin 1996 für ihre Stücke in Österreich wegen des dortigen geistigen Klimas ein Bühnenverbot verhängt hatte, werden inzwischen jedoch wieder Stücke von ihr gespielt. Das von dem Regisseur Einar Schleef am Wiener Burgtheater uraufgeführte „Ein Sportstück“ (1998) wurde in Österreich enthusiastisch gefeiert.

          „Das Genre der Texte Jelineks ist oft schwer zu
          bestimmen“, heißt es in der Begründung der Schwedischen Akademie. „Sie schweben zwischen Prosa und Poesie, Beschwörung und Hymne, sie enthalten Theaterszenen und filmische Sequenzen. Was sie in den Stücken der letzten Jahre auf die Bühne stellt (...) sind keine Charaktere, sondern 'Sprachflächen', die einander konfrontieren.“

          Elfriede Jelinek ist die erste Frau seit der polnischen Dichterin Wislawa Szymborska im Jahr 1996, die mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wird. Seit der ersten Preisverleihung 1901 haben erst neun Frauen die renommierteste Auszeichnung der literarischen Welt erhalten. Unter den 18 auf Lebenszeit ernannten Mitgliedern der Schwedischen Akademie sind nur vier Frauen.

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