https://www.faz.net/-gqz-7ibyw

Literaturnobelpreis für Alice Munro : Es geht ums Ganze, jederzeit

Meisterin der kurzen Form: Alice Munro Bild: Polaris/laif

Diese Literatur ist heimtückisch: Alice Munro legt beiläufig Minen und zündet sie mit dem unschuldigsten Gesicht der Welt. Der Nobelpreis für die kanadische Erzählerin ist nicht nur deshalb verdient.

          Literarisch betrachtet, ist die Auszeichnung für Alice Munro eine sichere Sache. Seit vielen Jahren zählte die kanadische Autorin mit gutem Grund zum Kreis der Favoriten. Und auch politisch betrachtet, gibt es nur einen heiklen Punkt: Die Nachbarschaft der Kanadierin zu ihren Kollegen in den Vereinigten Staaten. Philip Roth, Thomas Pynchon und Don DeLillo wurden schon wieder übergangen. Doch die Schwedische Akademie hat schon häufiger alle Erwartungen unterlaufen. Und so undurchsichtig die Kriterien für diese Auszeichnung sind, so sehr sah man sich manchmal zur Annahme gezwungen, dass bei der Vergabe auch der Zufall eine Rolle gespielt haben könnte.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Den Anteil des Zufalls an unserem Schicksal hat nämlich niemand besser dargestellt als Alice Munro - vor allem, wenn es um scheiternde Liebesgeschichten geht. Gerade dann, wenn es nach dem unverhofften Anfang schon rasch nach Fügung aussieht, nach einem Schicksal, das sich unweigerlich erfüllen muss, wenn wir nur wollen. „Tricks“, die Titelerzählung aus Alice Munros 2004 erschienenem Buch, mag hier exemplarisch für das schier unauslotbare Werk der Autorin stehen, weil sie auf schmalem Raum alles enthält, was Munros Texte so bedeutend macht: das Raffinement der Handlungskonstruktion, die ihre Konstruiertheit vollständig verbirgt.

          Munros Stärken

          Die sechsundzwanzigjährige Kanadierin Robin jedenfalls zweifelt in „Tricks“ nicht daran, dass die von reichlich Zufällen herbeigeführte Begegnung mit dem montenegrinischen Zuwanderer Danilo entscheidend für ihr Leben sein wird. Als sie sich nach wenigen Stunden der Bekanntschaft und ein paar Küssen auf dem Bahnhof trennen, verabreden sie ein neues Treffen exakt ein Jahr später. „Es ist wichtig, dass wir uns begegnet sind“, sagt Danilo. Und dass er sie bitte, dasselbe Kleid zu tragen, dieselbe Frisur. Um sicherzugehen, dass er sie auch erkennt.

          Mit dem Kleid fangen einen Sommer später die Zufälle wieder an, es kommt nicht rechtzeitig aus der Reinigung, weil das Kind der Angestellten krank ist, auch in Danilos Stadt geht alles wie zufällig schief, und als Robin in seinen Uhrmacherladen kommt, wirft er sie wortlos hinaus. Jahrzehnte später erfährt sie, dass sie sich an diesem Tag beinahe in allem getäuscht hat, vor allem in Danilo. Und dass ihr grünes Kleid auf eine vertrackte Weise dabei die Hauptrolle gespielt hat. Das sind Munros Stärken: die mit klarem Blick beobachteten und niemals vorgeführten Figuren. Die Teilnahme, die unterschwellig bleibt und auf die sich der Leser einlassen kann oder eben nicht. Und das Bewusstsein dafür, dass es in bestimmten literarischen Formen auf die diskrete Vermittlung von Detail und Totale ankommt.

          „Diese paar Stunden“, heißt es in „Tricks“ über Robins regelmäßige Zugfahrten zu den Samstagsmatineen des städtischen Theaters, „erfüllten sie mit der Zuversicht, dass das Leben, in das sie zurückkehrte und das für sie nur ein unbefriedigender Notbehelf war, bestimmt nicht von Dauer sein würde und deshalb leicht ertragen werden konnte. Und hinter diesem Leben, hinter allem, leuchtete es hell auf, ganz wie das Sonnenlicht, das durch die Zugfenster zu sehen war.“ Es spricht sehr für Munro, dass völlig in der Schwebe bleibt, ob man die Naivität der so spät erstmals verliebten von Robin belächeln oder ihren unbedingten Willen achten sollte. Die Autorin lässt über die gesamte Geschichte beide Deutungen zu.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Frankreich : Macron plant Ansprache

          Der französische Präsident wird am Montag wegen der heftigen Proteste eine Rede an die Nation halten. Zuvor trifft er sich mit Gewerkschaften und Arbeitgebern.

          Donald Trump : Ein heraufziehender Sturm

          Donald Trump gerät erstmals ins Visier einer amerikanischen Bundesanwaltschaft. Der Präsident bereitet sich auf den Wahlkampf 2020 vor und entlässt auch deshalb wieder einen sogenannten Erwachsenen in der Regierung.
          Produktion eines Panzers

          Waffen : Weltweite Rüstungsproduktion legt zu

          Staaten auf der ganzen Welt bauen mehr Kriegswaffen. Laut einer Untersuchung des Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri bleiben die Vereinigten Staaten der mit Abstand größte Rüstungsproduzent.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.