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Popmusik und Hochkultur : Falscher Preis für den Richtigen

Aber genauso gehören auch Elemente zur Popmusik, die nicht aus Buchstaben gemacht und gerade deswegen schwer zu beschreiben sind: Melodie. Performance. Tanz - auf der Bühne und davor. Mode. Frisuren. Körperlichkeit überhaupt. Der richtige Moment. Charisma und Schönheitsfehler, die Identifikation erlauben. Als Kim Gordon, früher Bassistin der amerikanischen Band Sonic Youth, einmal gefragt wurde, was ihr Lieblingsinstrument sei, hat sie „Electricity“ geantwortet - besser kann man die unbegrenzten Möglichkeiten der Popmusik nicht auf den Punkt bringen: vielfach verstärkter künstlerischer Ausdruck durch unterschiedliche Leitungen. Popmusik ist in geradezu klassischer Form mehr als die Summe ihrer Teile - aber vor allem besteht sie aus Teilen. Eines davon ist der Text.

Es geht hier nicht darum, Dinge gegeneinander auszuspielen: jung gegen alt, Lederjacke gegen Ohrensessel. Das wäre reaktionär. Diese Gegensätze stammen aus einer anderen Zeit. Es gibt - man muss sich das klarmachen - inzwischen sehr viele siebenundsiebzigjährige Stones-Fans. Und auch Bob Dylan, zwei Jahre jünger, ist ein Beispiel dafür, dass Popmusik keine Altersfrage mehr ist, Popmusik ist Lebenswerk und Lebensunterhalt und lebenslange Lebensrettung, so wie jede Kunst.

Popmusik muss nicht erst noch erwachsen werden, auch wenn man aus den Interpretationen von Dylans Werk oft den Wunsch herauszuhören glaubt, die Liebe und Leidenschaft, das Flüchtige, Ungefähre und Unernste vor sich selbst rechtfertigen zu müssen. Und der Reichtum der Popmusik ist auch nicht reicher oder farbiger als der von Literatur, bei der man sich die Bilder selbst erzeugt - er ist einfach anders. Aber er ist eben auch einzigartig.

Man muss kein Lateiner sein, so wie die vielen Dylan-Exegeten, die sich jetzt zu Wort melden, um Popmusik eine Kunstform sui generis zu nennen. Was Popmusik alles ist und sein kann, lässt sich aus der laufenden Produktion dieses Jahres gut zeigen, an einem Album wie „Lemonade“ von Beyoncé zum Beispiel, zwölf Songs, aber auch zwölf Kostümwechsel, Gastauftritte, ein Film dazu, lauter Teile einer Summe.

Songtexte werden auf Papier nur weniger

Bob Dylans Haltung auf der Bühne wiederum, die Art, wie er mal so und dann wieder anders singt, zeigt das gleiche Phänomen auf seine Art. Ihn jetzt für seine Texte zu ehren, verkleinert den Mann, wo es ihn doch eigentlich vergrößern will - denn was Dylan macht, was er umsetzt und freisetzt an künstlerischer Energie, speist sich nicht aus Worten allein und geht gleichzeitig weit über sie hinaus.

Und schon schleicht sich, auch in diesen Text, ein Legitimationsdruck ein, den man bei den Exegeten von Bob Dylan oft spüren konnte. Weil sie Dylan zwar für den einen halten - aber an anderen Maß nehmen, um seine Größe zu ermessen. Und zwar an Shakespeare, Homer, Petrarca, Dos Passos, Brecht, Rimbaud, lauter Namen, die man seit Donnerstag lesen konnte. Dylans Texte geben die Einflussphilologie, die da betrieben wird, auch her, genau wie die Texte anderer Songwriter, die von Jochen Distelmeyer beispielsweise - gerade ist eine Studie des Germanisten Till Huber über Distelmeyers Band Blumfeld und die intertextuellen Verfahren erschienen, die im sogenannten Diskurspop im Gange sind.

Was Dylan geschieht - genau gelesen zu werden -, geschieht also nicht nur ihm. Es ist ein naheliegender Weg, dem Rätsel eines popmusikalischen Werks auf den Grund zu gehen, der erste Einstieg: weil Zitate zu entziffern sind, wenn man sie denn erkennen kann. In Popkritiken ist auch deswegen so oft von Texten die Rede, weil alles andere so schwer zu fassen ist. Aber man reißt den Text unweigerlich immer aus dem Zusammenhang. Er ist nie nur Text und wird auf Papier immer nur weniger.

Bob Dylan selbst hat am Donnerstagabend auf einer Bühne gestanden und den Preis mit keinem Wort erwähnt, den er ein paar Stunden zuvor erhalten hat. Er war in Las Vegas, der Welthauptstadt der Performance.

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