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Literaturkritik im Videoblog : Ein zarter Flirt mit dem Warenfetisch

  • Aktualisiert am

Lippenstiftsammlung, Lieblingslacke und Lieblingsbücher, die Literaturvideobloggerin Reni bringt alles in ein Format Bild: Youtube

Die Literaturkritik boomt - im Vlog. Der Berliner Literatur- und Medienwissenschaftler Harun Maye hat sich am lieblich-tabulosen Angebot für alle Marzipanherzenmädchen dieser Welt sattgesehen.

          Mühen wir Literaturkritiker uns umsonst ab? Findet die echte Literaturkritik heute längst auf Youtube statt?

          Harun Maye: Seit es massenhaft Blogs und Vlogs gibt, haben nicht nur die Nachrichtenformate der Zeitungen und Zeitschriften eine fast schon letale Konkurrenz bekommen, sondern eben auch das Feuilleton. Was bei Computerspielen, Popmusik oder Filmen längst üblich ist, die Rezension von Usern für User, ist inzwischen bei der Literatur angekommen. Man muss akzeptieren, dass Literaturkritik heute so klingt: „Das ist wirklich eine sehr süße Geschichte: es geht um Zeitreisen und natürlich jede Menge Liebe, erste-Liebe-mäßig“ oder „Da ist übrigens ein sehr süßes Zitat im dritten Band, das ich Euch gerne vorlesen möchte: Für alle Marzipanherzen-Mädchen dieser Welt - und ich meine wirklich alle Mädchen. Es fühlt sich nämlich immer gleich an, egal ob man 14 Jahre alt ist oder 41.“ Oder auch: „Und dann stand da auch so eine total schöne Textstelle, so von wegen Edwards Hände wären nicht mehr beschützend, sondern hindernd.“

          Eine der wichtigsten Aufgaben einer Literaturredaktion ist die Auswahl des zu Rezensierenden. Um welche Bücher geht es in den Vlogs?

          Um Bücher von Cornelia Funke, Kerstin Gier, Stephenie Meyer, Charlotte Roche, Joanne K. Rowling. Der ganz normale Bestsellerlistenschrott also. Frauenliteratur, natürlich, aber nicht nur. Auch das klassische Genre der Geheimbund-, Schauer- und Verschwörungsliteratur ist breit vertreten, von Dan Brown bis Stephen King. Es geht auch um Accessoires und Paratexte, um Lesezeichen, Klappentexte, Verlagsankündigungen, Autorenporträts und um Buchcover, die nicht nur schön, süß oder toll sind, sondern vor allem eine taktile Erfahrung. Thematisiert werden Rillen, Markierungen und Hervorhebungen, die sich gut anfühlen. Das metallische Glänzen im typographisch ausgestellten Haupttitel oder Lesezeichen auf denen steht „Du öffnest die Bücher und sie öffnen dich“. Wichtig sind auch die Längen- und Breitenangaben. Umfangreiche Bücher und Fortsetzungsromane, in den bevorzugten Genres die Regel, sind beliebt. Alles, was man einmal als ästhetische Ideologie oder den Warencharakter der Literatur bezeichnet hat, wird ganz unbefangen gepriesen. Natürlich nicht aus einer theoretisch avancierten Einsicht, sondern aus Unbedarftheit. Zu den Hochzeiten der Kritischen Theorie waren diese Jahrgänge noch gar nicht geboren. Und das ist ja auch gut so.

          Ein schmaler Grat verläuft zwischen Amateur und Dilettant. Woher haben die Vlogger ihre Sätze, woher ihre Meinungen?

          Wahrscheinlich aus Fernsehserien und Kinofilmen, das war schon immer so, jedenfalls nicht aus der Zeitung. Sie studieren sicher irgendwas mit Medien, Medizin, Pädagogik oder BWL. Referenzen sind die Leserkommentare bei Amazon und die „sonstigen Buchseiten“. Eine zweite Quelle, die man nicht unterschätzen darf, ist der gymnasiale Deutschunterricht mit all seinen sozialdemokratischen Höhen und Tiefen. Manchmal erinnert sich eine Rezensentin noch daran, dass eine Geschichte eine Exposition und Steigerung, einen Höhepunkt und Abschluss haben sollte und stellt dann fest, dass das zum Beispiel bei Charlotte Roche nicht der Fall ist. Das sind aber seltene Momente. Im Regelfall klingt es eher so: „Ich finde, sie hat vom Schreibstil her gute Arbeit geleistet, auch wenn‘s eklig war, keine Frage, es ist eklig, aber ein flüssiger Schreibstil“. Oder auch: „Also Ich bin ja sehr offen für solche Themen, auch wenn ich sagen muss es ist wirklich definitiv sehr eklig...der Schreibstil ist sehr, sehr locker und leicht, man kommt sehr flüssig durch das ganze Buch, es behandelt eben einige Tabuthemen...“ Wenn überhaupt analytisches Vokabular zum Einsatz kommt, dann sind „Schreibstil“ und „Themen“ die Lieblingswörter der Mädchenmädchenkritik. Themen, so haben wir das einmal in der Schule gelernt, sind das, was erzählt wird. Mit Schreibstil bezeichnet man dagegen, wie diese Themen erzählt werden. Themen sollen immer Tabuthemen, der Stil locker oder flüssig sein.

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