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Literaturinstitut Leipzig : Von einem der auszog, das Schreiben zu lernen

Das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig beobachtet genau, was fürs deutschsprachige Schreiben taugt. Hier wird es selbst einmal observiert. Bild: Christoph Busse

Das Deutsche Literaturinstitut ist als Ausbildungsstätte für junge Autoren eine Legende. Aber was genau tut man dort? Ein Erfahrungsbericht.

          5 Min.

          Die erste Textbesprechung am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig (DLL) glich einer kreativen Explosion. Ein Kommilitone hatte sich als Drehbuchschreiber für RTL beworben. Er hatte Serienscripts geschrieben, in der Beziehungen zerbrachen und in neue mündeten, hatte so viele persönliche Dramen aneinandergereiht wie möglich und sich gegen Konkurrenten durchzusetzen versucht, die dasselbe taten. Anschließend schrieb er eine Reportage über seine Erfahrungen in der RTL-Zentrale. Sie trug den Titel „Adem gelingt es nicht, sich mit Kayra zu versöhnen, und muss zur Kenntnis nehmen, dass ihre Beziehung gefährdet ist“. Mir gefiel der Text.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Warum beginne er nicht mit dem zweiten Absatz statt mit dem ersten, fragte aber die Dozentin den Autor. Warum steige er nicht voll ein, mit dem Satz „In Konferenzraum 301 explodiert eine Frau mittleren Alters“? Sie verschob Absätze, Sätze und Wörter, als handele es sich um Tetris. Zum Schluss fragte sie höflich, ob das Thema nicht noch mehr hergebe. Ob es nicht auch darum gehe, dass Fernseh-Soaps inzwischen die Beziehungsvorstellungen ganzer Generationen beeinflussten? Danach war ich mir nicht mehr sicher, ob ich den Text noch mögen sollte.

          Es genügte mir, eine Meinung zu haben

          Am DLL, einer von nur zwei Möglichkeiten, kreatives Schreiben in Deutschland zu studieren, gibt es Grundlagen- und Werkstattseminare. In beiden werden Texte besprochen, im ersten Fall kanonische oder literaturtheoretische Texte von anderen, im zweiten Fall die eigenen. Man bekommt einen Termin zugewiesen und muss den Text eine Woche vorher über den Verteiler schicken. Formal soll er dem Schwerpunkt der Veranstaltung entsprechen: Lyrik, Prosa oder Dramatik. Inhaltlich ist alles erlaubt. Für jeden Text ist eine komplette Seminarstunde reserviert, in der er von den anderen Seminarteilnehmern besprochen, das heißt meist: heftig diskutiert wird. Der Autor kann die Textkritik stumm über sich ergehen lassen oder sich verteidigen. Wenn er nicht gerade verzweifelt ist, wählt er in der Regel den Mittelweg.

          Erst gegen Ende des Semesters sollte ich selbst an der Reihe sein. So lange genügte es mir, eine Meinung zu haben. Ich schaute auf die Trauerweiden im Garten des Instituts und sagte: „Das funktioniert so nicht“ oder „Hier muss man nachbessern“.

          Barthes gelesen als Nationalsozialist

          Das Grundlagenseminar „Einführung in die Erzähltheorie“ wurde vom Professor mit den Worten vorgestellt, man werde die Veranstaltung schon zu schätzen wissen. Beziehungsweise, da der Besuch für Erstsemester verpflichtend sei, man werde sie zu schätzen wissen müssen. Nach einigen Wochen erhielten wir den Auftrag, Roland Barthes’ Essay „Der Tod des Autors“ zu lesen. Ich strich drei Viertel des Textes mit einem Marker an und bereitete mich auf eine Diskussion in aller gebotenen Halbherzigkeit vor. Noch bevor der Professor die Sitzung eröffnen konnte, meldete sich ein Kommilitone zu Wort. Er könne diesen Text nicht akzeptieren. Die Persönlichkeit des Autors solle zerstört und in einer faschistoiden Masse aufgehen, kurzum: Es handele sich um ein Nazi-Pamphlet. Wie könne man so etwas lesen, geschweige denn schreiben? Am Institut, so viel war klar, wurden Texte nicht nur gelesen, sondern gelebt.

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