https://www.faz.net/-gqz-10otq

Literaturherbst : Deutschstunde

  • -Aktualisiert am

Die französische Literaturzeitschrift „Quinzaine littéraire“ resümiert die deutsche Literatur dieses Herbstes und diagnostiziert einen Totalausfall. Kaum ein zeitgenössischer deutscher Autor könne sich im Nachbarland etablieren, man beginne sich zu entfremden. Ganz so schlimm ist es jedoch nicht.

          „Wissen Sie, wie viele der 210 übersetzten Romane dieses Herbstes aus Deutschland kommen?“, fragt die „Quinzaine littéraire“ ihre Leser. Die angesehene Zeitschrift hat sie gezählt und präsentiert ihre Recherchen unter einem Titel, der auf das Drama über den Trojanischen Krieg von Jean Giraudoux anspielt. Der findet bekanntlich gar nicht statt. Und so gibt es auch „keine deutsche Rentrée“ in diesem Herbst in Paris.

          Noch immer greifen auch kultivierte Leute zu den kriegerischen Metaphern, wenn es um die deutsch-französischen Beziehungen geht. Dagmar Soleymani, die Autorin, fährt mit grobem Geschütz auf. „Bei den großen Verlagen wie Gallimard oder Albin Michel haben deutsche Schriftsteller einen schlechten Ruf. Die Lektoren halten die deutsche Herkunft für eine Behinderung und sagen das auch.“ Dieses Zitat stammt von einem Kleinverleger, der weiß, dass Gallimard „kürzlich“ Edgar Hilsenraths „Die Nacht“ und Jörg Fausers „Rohstoff“ abgelehnt hat.

          Man entliebt sich

          Jacques le Rider, vertraut mit Heidegger und Nietzsche, doppelt nach: Eine „Désamour“ sei zu beobachten. Dann kommt die Buchhändlerin von Montmartre zu Wort: Es gehen nur die Bücher über den Nationalsozialismus und den Fall der Mauer. Dafür macht die Verlegerin Françoise Favretto die Medien verantwortlich, die alles andere ignorierten. Nicole Bary, die kompetente Vermittlerin, hält dagegen: „Das ist die Stärke der deutschen Schriftsteller. Das französische Publikum findet bei ihnen Antworten, die ihm von den eigenen Autoren nicht gegeben werden. Welcher Franzose hat sich mit Vichy und dem Algerien-Krieg befasst?“

          Es geht um Übersetzungskosten und die Tatsache, dass die deutsche Kultur in Wellen als Mode rezipiert wird; dass vergriffene Klassiker nicht mehr aufgelegt werden und Fontane nur partiell übersetzt ist. Blättert der Leser in der „Quinzaine“, so stößt er auf die Besprechung einer übersetzten Biographie des Barons von Münchhausen und erfährt, dass Rolf Dieter Brinkmann neu herausgebracht wird. Daniel Kehlmann, Bernhard Schlink und Ingo Schulze sind erfolgreich. Michael Krüger wurde sehr positiv besprochen. Ganz so katastrophal, wie es die nackten Zahlen andeuten, ist die Situation also nicht. Zwanzig Verlage hat Dagmar Soleymani befragt. Sieben Romane aus Deutschland hat sie gefunden.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Jeder hat sein Kreuz zu tragen: Matteo Salvini am Strand auf Sizilien.

          Italienische Regierung : Ohne den Segen des Papstes

          Italiens Innenminister Salvini gibt sich gerne als gläubiger Christ. Damit hat er den Zorn Franziskus’ auf sich gezogen – und am Ende auch den des scheidenden Ministerpräsidenten Conte.

          An Scholz’ Seite : Manchmal liegt das Glück ganz nah

          Das Rennen um den SPD-Vorsitz geht weiter: Wofür die Kandidatin an Scholz’ Seite steht – und wieso der erfolgsverwöhnte Niedersachse Stephan Weil plötzlich beschädigt ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.