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Literaturfest in Indonesien : Nur nicht über die Massaker reden!

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Die Zensur hatte das Erinnern an die Opfer der Massenmorde von 1965 verboten. Doch das größte indonesische Literaturfestival findet trotzdem Mittel zum Meinungsaustausch.

          Handelte es sich um eine politische Variation auf den Rosa-Elefanten-Trick? Bekanntlich muss man jemanden nur auffordern, in den nächsten fünf Minuten auf keinen Fall an einen rosa Elefanten zu denken, damit dieser sofort an einen solchen denkt. Und so standen das blutrote Jahr 1965 und die damals in Indonesien begangenen Massenmorde an linken Aktivisten beim am vergangenen Sonntag zu Ende gegangenen Ubud-Literaturfestival allen Teilnehmern vor Augen, obwohl oder weil fast alle Veranstaltungen zum Thema auf Druck der lokalen balinesischen Behörden von der Festivalleitung gestrichen worden waren. Eine für Ubud unübliche starke Polizeipräsenz herrschte an den malerisch gelegenen Hauptveranstaltungsorten des Festivals. Einige indonesische Gäste meinten, Angehörige des Inlandsgeheimdienstes im Publikum erblickt zu haben.

          Auch die Präsentation des gerade auf Englisch erschienenen Romans „From Now On Everything Will Be Different“ von Eliza Vitri Handayani, die darin eine Liebesgeschichte am Ende der Diktatur Suhartos und in den Jahren der Reformära nach seinem Sturz 1998 erzählt, und die Podiumsdiskussion zu einem auf Bali wegen der befürchteten Auswirkungen auf die Umwelt umstrittenen Bauprojekt wurden von der Festivalleitung auf Druck der Behörden fallengelassen. Letztere Veranstaltung fand dann allerdings an einem anderen Ort auf Bali statt.

          Das Jahr, das nicht genannt werden darf

          Alle Repressionen erfolgten auf unklarer Rechtsgrundlage, obwohl sich die größte Demokratie Südostasiens gern - und meist auch zu Recht - ihrer großen und lebendigen Presse- und Medienvielfalt rühmt. Eliza Vitri Handayani hatte nach der Streichung ihrer Buchpräsentation übrigens die schöne Idee, dennoch zum Festival zu fahren und sich jeden Tag in einem T-Shirt mit eigens aufgedrucktem neuen Auszug aus dem Roman fotografieren zu lassen. Die von ihr selbst mitgebrachten Exemplare des Werks sollen schnell ausverkauft gewesen sein.

          Um die Absurdität der Absage aller den Ereignissen von 1965/66 gewidmeten Veranstaltungen zu verdeutlichen, muss man nur darauf aufmerksam machen, dass die in diesem Jahr international meistdiskutierten indonesischen Romane - von Laksmi Pamuntjaks „Alle Farben Rot“ über Leila Chudoris „Pulang - Heimkehr nach Jakarta“ bis zu Eka Kurniawans „Beauty is a Wound“ - zum großen Teil von diesen Massakern handeln. Wenn man über sie nicht sprechen darf, muss man auch den interessantesten Teil der indonesischen Gegenwartsliteratur ignorieren.

          Debra H Yatim, eine bekannte indonesische Journalistin und Sozialaktivistin, sprach in Ubud in Anlehnung an die Harry-Potter-Romane mit deren Sprachregelung zur Benennung des Bösewichts Lord Voldemort denn auch vom „year that must not be named“ - dem Jahr, das nicht genannt werden darf. Erfreulicherweise wurde sich aber in Ubud nur begrenzt an Schweigegebote gehalten. Die balinesischen Behörden hatten Veranstaltungen über die Provinz Aceh, in der jahrzehntelang ein blutiger Bürgerkrieg tobte und im Zuge der Autonomie die Scharia eingeführt worden ist, ebenso passieren lassen wie über das seit 1969 indonesische West-Papua, in dem die Ureinwohner langsam, aber sicher zur Minderheit im eigenen Land werden.

          Der Westen als Feuerwehrtruppe

          Auch gegen das Thema Ost-Timor, das 1975 von Indonesien besetzt wurde und Schauplatz eines langen, mörderischen Unabhängigkeitskampfs war, hatte es keine Einwände gegeben. Viele Redner betonten dabei, dass die Geschichte dieser anderen Gewaltexzesse in Indonesien mit ebenjenem Militärputsch Suhartos Mitte der sechziger Jahre begonnen habe, über den man nicht reden durfte. Als Zuhörer bekam man nicht den Eindruck, dass es dauerhaft gelingen wird, die Auseinandersetzung mit diesem Thema zu unterdrücken.

          Die Organisatoren des Festivals hatten sichtlich Mühe darauf verwendet, gemeinsame Podien mit indonesischen, regionalen und westlichen Autoren zusammenzustellen: zu allen möglichen Themen, von der Gegenwartslyrik bis zum Brotberuf als literarischer Inspirationsquelle. Das Festival hatte mit dem amerikanischen Pulitzer-Preisträger Michael Chabon, der über den Einfluss von Populärkultur auf sein Schreiben sprach, und dem Bestseller-Autor Mohsin Hamid („So wirst du stinkreich im boomenden Asien“) auch international bekannte literarische Namen zu bieten. Hamid, der sowohl pakistanischer als auch britischer Staatsbürger ist, ließ es sich nicht nehmen, an einer Podiumsdiskussion über Extremismus teilzunehmen. In einem vom Publikum laut beklatschten Redebeitrag verglich er die Anti-Terror-Anstrengungen des Westens mit einer Feuerwehrtruppe, die einen Brandherd bekämpfen wolle, aber mit dem größten Brandstifter verbandelt sei. Er sprach damit ausdrücklich die Unterstützung des Westens für Saudi-Arabien an.

          Am Sonntagnachmittag, gegen Ende des Festivals, ging es dann doch noch einmal ganz explizit um die „dunkle Seite des Paradieses“. Gemeint war Bali selbst und damit auch das Jahr 1965. Die Ferieninsel war damals eines der Hauptschlachtfelder der Massaker. Der Autor Richard Lewis, der als Kind amerikanischer Missionare auf Bali aufwuchs, trug dazu eine persönliche Erinnerung bei. Er erzählte vom balinesischen Aktivisten einer Landarbeitergewerkschaft, der im Dezember 1965 im Haus der amerikanischen Familie Zuflucht gesucht habe, schließlich aber von in schwarzen Sarongs gekleideten Balinesen zu Tode gehetzt worden sei.

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