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Literatur : Wo sind sie denn alle?

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Thomas Mann hielt Reden über deutsche KZs Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Mai 1945. Deutschland hat kapituliert. Seine Schriftsteller sind in norwegischer Kriegsgefangenschaft oder unter kalifornischer Sonne, sie drehen Filme im Allgäu oder lassen sich malen im Tessin.

          Wo sind die Protagonisten der deutschen Nachkriegsliteratur in dem Moment, als sie beginnt? Wo sind die deutschen Schriftsteller im Mai 1945?

          Wo sind die Alten? Die, die im Exil waren, und die Dagebliebenen? Wo sind die Jungen? Die Neuen, die noch gar nicht Schriftsteller sind, die noch gar nicht wissen, daß sie einst bedeutende Bücher schreiben werden? Wo sind sie in der Stunde Null? - Schreiben sie? Kämpfen sie? Warten sie?

          Günter Grass glaubte an den Endsieg

          Günter Grass kämpft. Er ist siebzehn Jahre alt und glaubt an den Endsieg bis zum Schluß. Um ihn herum sterben die letzten Kameraden. Grass zweifelt keine Sekunde an der Berechtigung des Krieges.

          Hermann Hesse lies sich portraitieren

          Und als die Amerikaner ihm zusammen mit anderen deutschen Kriegsgefangenen das Konzentrationslager in Dachau zeigen, sagt einer der Mitgefangenen, ein Maurer, das sei alles frisch gebaut und in der letzten Woche erst fertig geworden. Das klingt plausibel. Grass jedenfalls glaubt nicht an diese KZ-Sache.

          Christa Wolf zweifelte nicht an der deutschen Sache

          Auch die sechzehnjährige Christa Wolf ist bis zum Schluß überzeugt, daß die deutsche Sache noch nicht verloren ist. Und als sie am Ende ihrer Flucht von Landsberg nach Schwerin auf einen entlassenen KZ-Häftling trifft, fragt sie ihn, wie er denn da hineingekommen sei. Er sagt: "Ich bin Kommunist." Und sie: "Aber deshalb allein kam man ja nicht ins KZ."

          Walter Kempowski kam geschoren davon

          Walter Kempowski, der später jede schriftliche Spur der Nazizeit besessen sammeln und in großen Büchern versammeln wird, haben die Jungs von der HJ wegen Renitenz schon früh den Kopf rasiert.

          Im Januar wurde er zu einer Kuriereinheit einberufen, doch als er im April noch von der SS rekrutiert werden soll, gelingt es ihm, das abzulehnen. Am Ende des Krieges wird er fast von einem russischen Soldaten erschossen, weil er in einer Rostocker Mineralwasserfabrik keinen Schnaps für ihn finden kann.

          Peter Rühmkorf schrieb Gedichte gegen Nazi-Direktor

          Der kleinste Widerstandskämpfer der späteren Literaten heißt Peter Rühmkorf, er ist fünfzehn, als der Krieg zu Ende geht, schreibt in seiner Schülerzeitung anonyme Gedichte gegen den nazitreuen Direktor, ist Mitglied der Kinder-Untergrundorganisation der "Stibierbande" und stiehlt SA-Bestände, was das Zeug hält.

          Als die Engländer nach Hamburg kommen, hängt er ein weißes Begrüßungsbettuch aus dem Fenster. Da die Befreier den kleinen Rühmkorf aber nicht auf ihrer Widerstandsliste haben, betrachtet er auch die neuen Machthaber bald mit mißtrauischem Blick.

          Alfred Andersch redigierte in Kriegsgefangenschaft

          In Amerika wird unterdessen die neue deutsche Nachkriegsliteratur begründet. Alfred Andersch, einer der wichtigsten Schriftsteller der ersten Nachkriegsjahre, sitzt seit seiner Desertion im Juni 1945 in einem Kriegsgefangenenlager am Mississippi unter paradiesischen Umständen mit Wasserschildkröten und Pelikanen und redigiert die Literaturseiten der deutschen Kriegsgefangenen-Zeitschrift "Der Ruf", aus deren Redaktion später in Deutschland die "Gruppe 47" hervorgehen wird.

          Zunächst jedoch wird er unter Erich Kästner für die neugegründete "Neue Zeitung" in Deutschland arbeiten, auch wenn Kästner schon früh feststellen muß, daß sein junger Redakteur parallel an seinem eigenen Projekt arbeitet, den "Ruf" in Deutschland neu zu begründen.

          Erich Kästner drehte Filme

          Kästner selbst, der während der Nazizeit in Deutschland geblieben war, dessen Bücher verboten waren, der aber Filmdrehbücher schrieb, ist zur Zeit des Kriegsendes zusammen mit sechzig Filmschaffenden im Zillertal unterwegs.

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