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Literatur : Will kein Intellektueller sein: John Irving

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John Irving Bild: AP

Was verbindet Susan Sontag mit John Irving? Sie wollen beide keine Intellektuellen sein. Ein Blick in die Medien.

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          Gerade noch wehrte sich die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag in der „Zeit“ dagegen, jetzt tut es auch der Schriftsteller John Irving: Beide wollen keine Intellektuellen sein.

          „Ich bin keine Intellektuelle! Ich sehe mich nicht als Intellektuelle, obwohl ich weiß, dass die ganze Welt mich dafür hält. Ich bin Schriftstellerin, alles andere ist ein Missverständnis", sagte Susan Sontag gerade in der "Zeit". Jetzt wiederholte den Satz ihr amerikanischer Kollege John Irving. In der aktuellen Ausgabe des österreichischen Magazins „Profil“ sagt er: "Ich bin kein Intellektueller. Ich bin ein Geschichtenerzähler. Das Schreiben ist ein Handwerk wie das Mauern. Jedenfalls etwas sehr Physisches. Es ist fast etwas, das man mit den Händen macht."

          Dann fragt die "Profil"-Journalistin Irving über seine Kindheit als Legastheniker aus. Irving stellt die Ergebnisse der Pisa-Studie auf den Kopf, indem er sagt: Die Legasthenie sei gut für ihn gewesen. Sie habe ihn gezwungen, sehr genau zu arbeiten. "Ich wusste, dass alles, was ich schrieb, beim ersten Mal voller Fehler sein würde und ich es wieder und wieder korrigieren muss. Ich habe auf diese Weise ein Gefühl fürs Überarbeiten entwickelt, das vielen anderen Schriftstellern fehlt."

          Susan Sontag

          Der neue Irving handelt vom Fernsehen

          Auch wenn Irving kein Intellektueller sein will. Sein neuer Roman, "Die vierte Hand", ist wieder durchaus zeitkritisch. Im Zentrum steht der TV-Journalist Patrick Wallingford. "Er ist oberflächlich, gut aussehend und bei Frauen sagenhaft erfolgreich", weiß die Profil-Journalistin und fragt: "Stellen Sie sich so einen Nachrichten-Reporter vor?" Worauf Irving antwortet: "Nachrichten sind heute keine Nachrichten mehr, sondern müssen mit Filmen, Dramen und Sport-Shows konkurrieren. Alle Menschen, die ich kenne, die in News-Redaktionen arbeiten, sind enttäuscht. Mein Freund Charles Gibson, ein sehr bekannter Anchorman von 'ABC News', flüsterte mir eines Tages bei meinen Recherchen in den ABC-Studios zu: 'Es laufen hier so viele Patrick Wallingfords herum.' Wenn Sie in einer Branche arbeiten, die ständig trivialer oder sensationeller werden muss, damit sie die Zuschauer bei der Stange halten kann, wie lange dauert es dann, bis Sie selbst so oberflächlich und leer werden wie der Job, den Sie machen?"

          Das überstrapazierte öffentliche Amt

          Bleibt die Frage zu beantworten, warum zwei Schriftsteller in dieser Zeit nicht mehr den Zolaschen Ehrentitel des politisch engagierten Geistesmenschen tragen wollen.

          Zeigt hier der 11. September Wirkung? Hat soviel Wirklichkeit auf einmal das Vertrauen in den Geist geschwächt? Oder sind die Schriftsteller schlicht genervt, ständig zu politischen Fragen Stellung nehmen zu müssen: erst Bosnien, dann Kosovo, der 11. September und Afghanistan?

          Die wahrscheinlichste Antwort ist die: Oft sind es Schriftsteller, die als Intellektuelle bezeichnet werden, sobald sie sich in politische Fragen einmischen. Aber Intellektueller und Schriftsteller sprechen zwei verschiedene Sprachen: der eine appellativ, der andere narrativ. Und wenn die öffentliche Rolle, so wie heute, stark beansprucht wird, wächst bei den Schriftstellern die Sehnsucht, zu ihrer eigentlichen Sprache zurückzukehren und damit noch mehr über die Welt zu verstehen als als durch Appelle und Kritik.

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