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Literatur und Vulkanismus : Island ruft heute nicht an

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„Kein Kahn zieht seine Furchen, kein Vogel singt”: Blick durchs Geäst auf den Stechlinsee bei Neuglobsow in Brandenburg Bild: Julia Zimmermann

Still und klar ruht der See, während in der Ferne die Erde grollt: In seinem großen Roman „Stechlin“ erfand Theodor Fontane ein veritables Vulkan-Fernmeldesystem. Ein Testbesuch am See von David Wagner.

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          Ortstermin mit einem See im Wald im Norden von Berlin, für den Theodor Fontane in seinem letzten Roman ein Vulkan-Fernmeldesystem erfunden hat. Wenn „es weit draußen in der Welt, sei’s auf Island, sei’s auf Java, zu rollen und zu grollen beginnt oder gar der Aschenregen der hawaiischen Vulkane bis weit auf die Südsee hinausgetrieben wird“, soll es auch am Stechlinsee lebendig werden. „Dann regt sich’s auch hier, und ein Wasserstrahl springt auf und sinkt wieder in die Tiefe.“ Wie sieht es aus an diesem geheimnisvollen See an einem Tag im April im Jahr der Beben 2010, in dem es in Island so mächtig rollt und grollt?

          Alles still hier. Kein Mensch zu sehen. Fontane hat recht, „kein Kahn zieht seine Furchen, kein Vogel singt“. Doch halt, ich höre einen Kuckuck, später einen Specht. Zwei Windstärken und kleine Wellen begrüßen mich am See, der noch immer, wie vor mehr als einem Jahrhundert beschrieben, daliegt, „rundum von alten Buchen eingefaßt, deren Zweige, von ihrer eignen Schwere nach unten gezogen, den See mit ihrer Spitze berühren“. An einigen Stellen sind heute ganze Stämme ins Wasser gesunken, das, immer in Bewegung, ans Ufer schlägt, als wolle es mit seinem beständigen Gluckern etwas erzählen. Höre ich es nicht schon brodeln? Höre ich den Eyjafjallajökull?

          Melusine dingend gesucht

          Tief ist der Stechlinsee. Tiefer als alle anderen Seen Norddeutschlands. Trotzdem, er ist kein Vulkansee, kein Maar, sondern bloß ein aus einem abgetauten Toteisblock entstandener Eiszeitsee. Still und tief und klar ruht der See. Klar, aber nicht so klar, dass der Grund des Sees sichtbar wäre. Sonst wäre vielleicht eine Melusine zu sehen, eine Undine oder ein kleiner Wassermann, die bestimmt, ich bin mir sicher, da unten wohnen, in neunundsechzig Meter Tiefe. Und vielleicht schwimmt da unten auch ein sehr alter Karpfen. Einer, der schon da schwamm, als Fontane hier am Ufer saß und sich seinen Roman mit der Vulkan-Fernmelde ausdachte.

          Wellenspiel am Seeufer
          Wellenspiel am Seeufer : Bild: Julia Zimmermann

          Der See ist das Medium, der See ist Orakel. Das System des kommunizierenden Vulkanismus ist Fontanes Metapher für die neuen Medien der späten Kaiserzeit, die so wie sein Stechlinsee anzeigen, was anderswo geschieht. Auffallend oft ist auf den ersten Seiten des Romans von Zeitungen, Telegrammen und vom Telefonieren die Rede. Der Vulkanismus, der im Buch so oft auftaucht, obwohl er doch größtenteils in der geologisch sehr unvulkanischen Mark Brandenburg spielt, liefert natürlich auch ein Bild für die Veränderung der preußisch-wilhelminischen Gesellschaft, in der unter der alten, hier und da schon brüchigen Schale die soziale Magma brodelt. Fontane ahnt das nicht bloß, er zeichnet das in seinem politischsten Roman genau auf. Seitenlang werden Gespräche geführt, über die Armee, den Adel, die Kirche und die Sozialdemokratie.

          Der See liegt ruhig und schweiget

          „Und ich weiß auch, daß man einen Ausbruch erwartet. Vielleicht erleben wir’s noch“, sagt Woldemar, der junge Herr von Stechlin, im vorletzten Kapitel, da ist er mit seiner Frau auf Hochzeitsreise in Italien. Von Capri aus betrachtet das Paar den Vesuv. „Das wäre herrlich“, meint die Gemahlin, und man möchte den beiden zurufen: Ja, ihr werdet ihn noch erleben, den großen Ausbruch. Nur noch anderthalb Jahrzehnte, dann bricht euer Erster Weltkrieg aus – und nachher wird alles ganz, ganz anders sein.

          Ich sitze auf einem Baumstamm, der halb im Wasser liegt. Regt sich da etwas unten im See? Ein kleiner Wassermann? Doch ein Karpfen? Ein Karpfen, natürlich aus dem eigenen Gewässer, wird während des ersten Abendmahls des Romans verspeist. Der junge Woldemar von Stechlin und seine beiden Regimentskameraden Rex und Czako sind von Berlin zum See geritten, um den alten Dubslav von Stechlin an seinem Gestade zu besuchen. Und wie es sich für ein Abendmahl gehört, gibt Fontane dem Leser zum Abendmahl auch ein Gleichnis. Ein Karpfengleichnis. Als der Fisch auf dem Teller liegt, fragt Regimentskamerad Czako, „welche Revolutionen an diesem hervorragenden Exemplar seiner Gattung wohl schon vorübergegangen sind“.

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