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Literatur : Schriftsteller W. G. Sebald tödlich verunglückt

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Winfried Georg Sebald Bild: dpa

Der deutsche Schriftsteller und Literaturwissenschaftler W.G. Sebald in seiner Wahlheimatstadt Norwich nach einem Autounfall verstorben.

          Der deutsche Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Winfried Georg Sebald (57) ist in seiner Wahlheimat England bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Britische Zeitungen würdigten ihn als einen der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart.

          Der Tod Sebalds sei „ein furchtbarer Schlag für die europäische Literatur“, schrieb die Zeitung „Observer“. Sebald, der aus dem Allgäu stammte und seit mehr als 30 Jahren in England lebte, sei ein Nobelpreis-Anwärter gewesen. Sein Werk umfasst neben literaturwissenschaftlichen Arbeiten etwa über Carl Sternheim und Alfred Döblin Romane, Essays, Erzählungen, Lyrik und Hörspiele.

          Nach Angaben der örtlichen Polizei war Sebald am Freitag in seinem Wohnort Norwich mit einem Lastwagen zusammen gestoßen. Seine Tochter Anna, die als Beifahrerin neben ihm saß, wurde verletzt. Möglicherweise hatte Sebald einen Herzinfarkt erlitten und deshalb die Kontrolle über das Steuer verloren.

          Erste literarische Arbeiten als 40-Jähriger

          Sebald, am 18. Mai 1944 in Wertach im Allgäu geboren, studierte in Freiburg, der Schweiz und Manchester. Seit 1970 lehrte er mit Unterbrechungen in Norwich. 1988 erhielt er dort eine Professur für Neuere Deutsche Literatur. Sebald gründete an der University of East Anglia 1989 das British Centre for Literary Translation. Seine literarische Karriere begann er erst in den 1980er Jahren: „Als ich mit 40 zu schreiben begonnen habe, war das zuerst nur, um mir einen Freiraum im Alltag zu schaffen“, sagte er einmal.

          Im Jahre 1988 erschien Sebalds literarischer Erstling „Nach der Natur - Ein Elementargedicht“, es folgten Erzähl- und Essaybände: „Schwindel.Gefühle“ (1990), „Die Ausgewanderten“ (1992), „Die Ringe des Saturn“ (1995), „Logis in einem Landhaus. Über Gottfried Keller, Johann Peter Hebel, Robert Walser und andere“ (1998) und „Austerlitz“ (2001).

          Keine Loslösung von der Vergangenheit

          Typisch für Sebalds Bücher ist das Auftreten prominenter „Gastautoren“ wie Franz Kafka, Joseph Conrad oder des Philosophen Sir Thomas Browne, der im 17. Jahrhundert Begräbnisrituale studierte. Seine Helden sind oft Menschen, die sich nicht von ihrer Vergangenheit lösen können. So erzählt Sebald in „Die Ausgewanderten“ die Lebensgeschichte von vier Deutschen, die unter Hitler ins Ausland fliehen und sich dort nicht einfinden können.

          Zwei von ihnen begehen Selbstmord, einer endet in einem Heim für Geisteskranke, und der vierte ist auch nach 50 Jahren noch nicht über die Ermordung seiner Eltern durch die Nazis hinweggekommen. Die amerikanische Autorin Susan Sontag urteilte darüber: „Ich kenne kein Buch, das mehr über das komplexe Schicksal vermittelt, ein Europäer am Ende der europäischen Zivilisation gewesen zu sein.“ Kritiker lobten Sebalds Fähigkeit, erzählerische und essayistische Stilelemente zu verknüpfen. Seine schöne geschwungene Sprache wurde als „Sebald-Sound“ charakterisiert.

          Sich ganz dem Schreiben widmen

          Über seinen literarischen Grundton der Melancholie sagte er selbst: „Die Haltung der Melancholie ist für mich nichts Bequemes. Sie ist für mich eine Haltung des Widerstands.“ Mit seiner Vorlesung „Luftkrieg und Literatur“ löste er 1997 eine Debatte darüber aus, warum deutsche Autoren nach dem Zweiten Weltkrieg das Kriegsleiden der deutschen Bevölkerung durch Bombenangriffe, das Leben in Ruinen und manchmal auch totaler Zerstörung kaum zum Thema gemacht haben. Dadurch seien die leidvollen Erfahrungen von Millionen Menschen den Nachgeborenen nicht vermittelt worden.

          Sebald erhielt unter anderem den Heinrich-Böll-, den Mörike-, den Joseph-Breitbach- und den Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf. Für sein zuletzt erschienenes Buch „Austerlitz“, die Vita eines jüdischen Flüchtlings, wurde ihm im November der Bremer Literaturpreis zugesprochen, der am 28. Januar 2002 überreicht werden sollte. Für diesen Roman soll Sebald von einem englischen Verlag eine sechsstellige Vorauszahlung erhalten haben. Dieses Geld wollte er nutzen, um sich bald zur Ruhe zu setzen und sich ganz dem Schreiben zu widmen.

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