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Literatur : Schriftsteller Norman Mailer gestorben

  • Aktualisiert am

Wurde 84 jahre alt: Norman Mailer Bild: dpa

Der Schriftsteller und Pulitzer-Preisträger Norman Mailer ist tot. Er galt als einer der innovativsten und vielseitigsten Autoren Amerikas, der mit seinen Romanen immer wieder Kritik und Widerspruch auslöste. Mailer starb im Alter von 84 Jahren in einem New Yorker Krankenhaus.

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          Der amerikanische Schriftsteller und Regisseur Norman Mailer ist tot. Mailer sei am Samstagmorgen im Alter von 84 Jahren in einem New Yorker Krankenhaus an Nierenversagen gestorben. Wegen seiner vielen Eskapaden einst das „enfant terrible“ der amerikanischen Literatur, machte Mailer im Alter als „Angry Old Man“ von sich reden.

          Vor fast 60 Jahren hatte der damals gerade 25-jährige Mailer mit „Die Nackten und die Toten“ seinen bedeutendsten Roman über den Zweiten Weltkrieg geschrieben. Neben der Brutalität des Krieges setzt sich der Autor in dem Buch auch mit der Kluft zwischen der sozialen Realität und dem Anspruch der amerikanischen Gesellschaft von Freiheit und Selbstverwirklichung auseinander, ein Thema, das sich durch nahezu alle Schriften Mailers zieht.

          Mailers Werke decken eine ungewöhnliche Themenbreite ab. Doch nie wieder wurde ihm der Beifall zuteil, den er für seinen Erstlingsroman geerntet hatte. Mailer schrieb Reportagen und große Essays. „Supermann kommt in den Supermarkt“ gehört dazu, sein Bericht über den demokratischen Parteikonvent in Los Angeles, bei dem John F. Kennedy zum Kandidaten für das Weiße Haus gekürt wurde. In „Heere aus der Nacht“ (1968) schilderte er einen Friedensmarsch in Washington und wurde dafür 1969 mit seinem ersten Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Den zweiten erhielt er 1980 für sein Buch „Gnadenlos - Das Lied vom Henker“ über das Schicksal des 1977 hingerichteten Doppelmörders Gary Gilmore.

          Betrunken Ehefrau niedergestochen

          Am 31. Januar 1923 als Sohn einer aus Litauen eingewanderten jüdischen Bücherrevisorfamilie in New Jersey geboren, wuchs Mailer in Brooklyn auf. Er studierte Flugzeugbau an der Harvard Universität und lernte in Schriftstellerkursen, „wie man es nicht machen soll“. Bevor er seine Ausbildung an der Pariser Sorbonne beenden konnte, musste er als GI auf die Philippinen und nach Japan - während der letzten beiden Kriegsjahre.

          Mailer heiratete sechs Mal und hatte neun Kinder, das jüngste mit dem ehemaligen Fotomodell Norris Church. Er nahm sie 1980 zur Frau und lebt mit ihr in Brooklyn und in einem Haus am Meer auf der Neuengland-Insel Cape Cod. Seiner zweiten Frau Adele Morales - die ein Buch über ihr Ehe-Martyrium mit Mailer schrieb - stach er 1960, wie so oft schwer betrunken, ein Messer in den Bauch. Wegen ihrer Weigerung, mit der Staatsanwaltschaft zu kooperieren, kam er mit einer Strafe auf Bewährung davon.

          Deutliche Kritik an Bush-Regierung

          1967 wurde Mailer wegen seiner Rolle bei Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg eingesperrt. Zwei Jahre später versuchte er, mit einer Wahlkampagne unter dem Motto „Wählt die Schurken“ vergeblich, Bürgermeister von New York zu werden. Seine Kandidatur mobilisierte die amerikanische Frauenbewegung gegen ihn. Sie beschimpfte den Schriftsteller als „größtes und reaktionärstes Schwein“.

          Seiner Empörung über die Bush-Regierung und den Irak-Krieg machte er erst kürzlich bei einem Interview wieder Luft: „Der schlimmste Krieg, den dieses Land je geführt hat!“ sagte er. (siehe auch: Norman Mailer über Amerika und den Terror) Dagegen sprang er dem deutschen Literaturnobelpreisträger Günter Grass zur Seite, als dieser bei einem Besuch in New York im Sommer dieses Jahres zu seiner kurzen Mitgliedschaft als Jugendlicher in der Waffen-SS gefragt wurde. Klein und grau und schon sehr gebrechlich saß Mailer da mit auf dem Podium. Er konnte kaum mehr sehen und nur schwer hören, aber warf sich mit einem leidenschaftlichen Bekenntnis für den Kollegen in die Bresche. „Wenn ich in Günters Schuhen gesteckt hätte, ... wäre ich ganz genauso bei der Waffen-SS gelandet“, sagte er sehr bestimmt und forderte für einen Autor das Recht ein, über manche Erfahrungen auch nicht schreiben zu müssen. (siehe auch: Norman Mailer trifft Günter Grass in New York)

          In Deutschland erschien zuletzt sein Roman „Das Schloss im Wald“ über die inzestuöse Familie von Adolf Hitler sowie die Kindheit und frühe Jugend des späteren „Führers“ (siehe auch Ein Besuch bei Norman Mailer in seinem Sommerhaus auf Cape Cod undHitler als Kind: Norman Mailers neuer Roman ). Eigentlich hatte er noch eine Fortsetzung schreiben wollen, bezweifelte beim Interview im August 2007 aber selbst, „ob mir die Zeit bleibt“. Schon damals klagte der ehemalige Rebell, gesundheitlich sichtbar angeschlagen, über Kurzatmigkeit, die Folge von „Herzinsuffizienz“, sowie schwere Probleme mit dem Sehen und Hören.

          In einer Bilanz seines Lebens sagte Mailer vor einigen Jahren: „Mein Leben war nicht immer wunderschön, aber ich kann mich nicht beklagen.“

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