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Literatur : Schillerpreis für Rachel Salamander

Rachel Salamander Bild: picture alliance / Sueddeutsche

Bei der Marbacher Preisverleihung betont die Münchner Publizistin und Buchhändlerin die Notwendigkeit eines unverfälschten Blicks auf die Vergangenheit, um das Judentum in Deutschland wieder heimisch zu machen.

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          Marbach schillert. Besonders heute Abend in der Stadthalle, die nicht nur auf der Schillerhöhe liegt, sondern an allen Wänden, Türen und Fenstern mit Zitaten des 1759 in der Stadt geborenen Dichters geschmückt ist. Alle zwei Jahre wird hier zu seinem Andenken der Marbacher Schillerpreis verliehen, an Persönlichkeiten, die in ihrem Leben und Wirken der freiheitsliebenden Denktradition Schillers verpflichtet sind. Für dieses Jahr sprach die Jury die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung Rachel Salamander zu, und jetzt wird sie den Preis erhalten. Schiller selbst steht dazu als überlebensgroße Büste auf der Bühne in einer Art Blütenrabatte und scheint sich daraus vorzubeugen, um auch ja alles mitzubekommen, was gesagt wird. Dem weißen Marmorhaupt dürften bisweilen die Ohren geglüht haben.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Als Laudator hat man Frank Schirrmacher gewonnen, den Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, für die Frau Salamander seit Oktober tätig ist, nachdem sie zuvor mehr als zehn Jahre lang für die „Literarische Welt“ verantwortlich zeichnete. Schirrmacher entwickelt sein Lob für die 1949 in einem Displaced-Persons-Lager geborene Tocher von Überlebenden der Schoa aus zwei für Rachel Salamanders Leben zentralen Begriffen: dem der „Literaturhandlung“, die sie 1982 in München gegründet hat, um das Gespräch zwischen Juden und Deutschen wieder in Gang zu bringen, und eben dem der „displaced person“, als die sie ins Leben trat. Denn nur durch „Deplazierung“, den Weggang aus Deutschland, habe auch die jüdische Literatur, wie Rachel Salamander sie in ihrer „Literaturhandlung“ anbietet, überleben können.

          „Literatur-Handlung“

          Als Beispiel dafür dient Schirrmacher das Manuskript von Kafkas „Prozess“, das gerade in Marbach ausgestellt wird und nur deshalb auf uns gekommen ist, weil Max Brod es 1939 unmittelbar vor dem Einmarsch der Deutschen in Prag nach Palästina in Sicherheit hat bringen können. Heute ist es ein museales Glanzstück jener jüdisch-deutschen Kulturbeziehung, die in der „Literaturhandlung“ wieder gepflegt wird. Schirrmacher nimmt durch Akzentuierung eine bezeichnende Worttrennung vor und macht aus der Firmenbezeichnung „Literaturhandlung“ eine „Literatur-Handlung“: Die Initiative von 1982 stehe wie das ganze Leben von Rachel Salamander dafür, dass Geist in Handlung übersetzt wird. Die Publizistin und Buchhändlerin sei eine „Physikerin der literarischen Macht“ und deren Kräfte.

          Die Probe darauf liefern die Dankesworte der Preisträgerin, und darin überrascht sie mit einer Würdigung der Rolle Schillers für die Emanzipation der Juden, die zwiespältige Äußerungen des Dichters nicht verschweigt. Hatte der Marbacher Bürgermeister Jan Trost zur Begrüßung „Weltoffenheit und Toleranz“ des größten Sohns der Stadt betont, so erinnert Rachel Salamander daran, dass Schiller 1790 in seiner Schrift „Die Sendung Moses“ ein Bild der Juden als eines „tief verachteten Sklavenpöbels“ und „unwissenden rohen Hirtenhaufens“ zeichnete, der, „bei ungeheurer Vermehrung“ vom Aussatz befallen, nicht von sich aus freiheitsfähig wäre. Erst Moses als von den Ägyptern erzogener und zivilisierter Mann hat laut Schiller den Hebräern ermöglicht, ihre welthistorische Rolle als Wegbereiter des Christentums zu spielen.

          „Mit Antisemitismus lässt sich in keiner Weise mehr argumentieren“

          Rachel Salamander fragt in ihrer Dankesrede, wie solch eine Äußerung zu erklären sei bei einem Dichter, der von den nach Emanzipation strebenden Juden verehrt worden sei wie kein zweiter. Seine Verehrer, so stellt sie fest, haben das mit dem zu Schillers Zeiten üblichen Antisemitismus zu entschuldigen versucht, doch solches Ansinnen weist sie für unsere Gegenwart zurück: „Nach Auschwitz lässt sich mit Antisemitismus, weder mit einem latent zeitgeistigen noch einem sozial begründeten, in keiner Weise mehr argumentieren.“

          Auch der Mann, nach dem der Preis benannt ist, den Rachel Salamander heute Abend entgegennimmt, darf nicht vor der Frage verschont werden, was er nolens volens zur so schrecklich enttäuschten „Liebesaffäre der Juden mit den Deutschen“ (Gershom Scholem) beigetragen hat: „Aus der Geschichte lernen heißt, sie aufzuarbeiten und neu zu verarbeiten.“
          Das ist in der Tat getan an diesem Abend in der Marbacher Stadthalle, wo man sicher noch nie so Nach- und Bedenkliches aus dem Mund eines Schillerpreisträgers über den literarischen Stadtpatron vernommen hat. Es ist jenes Handeln aus Haltung, die Frank Schirrmacher als Rachel Salamanders Charakteristikum identifiziert hat, weshalb ihre Wahl der Bezeichnung „Literaturhandlung“ auch als Selbstporträt verstanden werden kann.

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