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Literatur : Reich-Ranicki: Suhrkamp soll Walser-Roman nicht veröffentlichen

  • Aktualisiert am

Vorbild für Walsers Roman: Marcel Reich-Ranicki Bild: AP

Der Literatur-Kritiker Reich-Ranicki hat den Suhrkamp-Verlag aufgefordert, den neuen auf ihn gemünzten Roman von Martin Walser nicht herauszubringen.

          Im Streit um den neuen Roman von Martin Walser hat der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki den Suhrkamp-Verlag aufgefordert, das auf ihn gemünzte Buch nicht zu veröffentlichen. „Der Verlag Benjamins, Adornos, Blochs, Celans darf ein solches Buch nicht verlegen. Ich hoffe sehr, dass er in diesem Sinn entscheidet“, sagte Reich-Ranicki in einem Interview.

          Eine Sprecherin von Suhrkamp in Frankfurt sagte am Samstag, der Verlag nehme die Reaktionen der Medien zur Kenntnis. Eine Entscheidung, wie mit dem Manuskript von Walser weiter verfahren werde, könne nicht vor Montagnachmittag fallen.

          Kritik spitzt sich zu

          Die Kritik an Martin Walsers unveröffentlichtem Roman „Tod eines Kritikers“ hat sich weiter zugespitzt. Walter Jens, Ralph Giordano, Günter Kunert und Hellmuth Karasek zeigten kein Verständnis für das Werk und vermuteten Rachegelüste als Motiv Walsers gegen den Kritiker Marcel Reich-Ranicki.

          F.A.Z.-Mitherausgeber Frank Schirrmacher

          Der Suhrkamp Verlag in Frankfurt teilte auf dpa-Anfrage mit, dass Anfang nächster Woche über das weitere Vorgehen entschieden werden solle. Ursprünglich wollte der Verlag den Roman Ende August herausbringen, dann gab es Überlegungen das Werk vorzuziehen. Das Berliner Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus hat Suhrkamp aufgefordert, das Werk nicht herauszugeben.

          Walter Jens: Absolut unbegreiflich

          Der Literaturwissenschaftler Walter Jens äußerte sich erstaunt über das Verhalten des Suhrkamp Verlags und seines Autors Walser: „Wenn das Buch wirklich antisemitische Töne hat oder so strukturiert ist, wie bisher behauptet wird, und der Hauptheld als Marcel Reich-Ranicki auszumachen ist, dann verstehe ich nicht, wieso Verlag und Autor die Stirn haben können, dieses Buch der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" anzubieten, zu deren Galionsfiguren seit Jahrzehnten Reich- Ranicki gehört“, sagte Jens. Das sei „absolut unbegreiflich“ und ein erstaunlicher Vorgang. „Das kann man doch einer Zeitung nicht antragen, einen ihrer verdienstvollsten Mitarbeiter im eigenen Blatt an den Pranger zu stellen“, meinte Jens.

          Günter Kunert: Rachegelüste des Autors

          Der Autor Günter Kunert vermutet, dass sich Walser an Reich-Ranicki rächen wollte. „Das ist schäbig“, sagte der Schriftsteller dem Radiosender „mdr kultur“. „Wenn man schreibt und verrissen wird, hat man eben Pech gehabt, aber ein Charakterzug der Deutschen besteht darin, sich unentwegt als Opfer zu fühlen.“ Walser sehe sich permanent als „Opfer des bösen Juden Reich-Ranicki“.

          Ähnlich äußerte sich der Schriftsteller Ralph Giordano. Auch ohne das Buchmanuskript zu kennen, frage er sich, ob Walser absichtlich provozieren wollte. „Der Mann ist doch nicht ganz normal, dass er sich wieder einen Juden vornimmt. Das erscheint mir nicht als Zufall“, sagte Giordano ebenfalls im Sender „mdr kultur“. Es sei nicht verboten in Deutschland, Juden zu kritisieren, es komme allerdings darauf an, „wie, mit welcher Motivation“. Reich-Ranicki habe Schicksal gespielt und viele Leute vor den Kopf gestoßen, „aber nicht weil er Jude ist, verdammt noch mal, sondern weil Reich-Ranicki so ist wie er ist“, sagte Giordano.

          Hellmuth Karasek: Verstörendes Pamphlet

          Hellmuth Karasek, Literaturkritiker und Mitherausgeber des „Tagesspiegels“, bezeichnete Walsers umstrittenes Buch als zum Teil „verstörendes übles Pamphlet“. In einem Beitrag für die Freitagausgabe des „Tagespiegels“ gab er dem Mitherausgeber der F.A.Z., Frank Schirrmacher, „in einem wesentlichen Punkt völlig Recht“. Das Buch, dessen Vorabdruck die F.A.Z. verweigert hatte, sei das „literarische Dokument eines schier übermenschlichen Hasses, der den Autor überwältigt, weil er sich sein Leben lang unter der Fuchtel von Reich-Ranicki sah und scheinbar ohnmächtig mitansehen musste, wie dessen Ruhm durch die verbale Vernichtung Walsers wuchs.“ Walsers Buch sei „von ungezügelter Mordlust“ beherrscht, es handle sich aber doch eher um einen literarischen Selbstmord Walsers. Das Buch sei „thematisch besessen“ und „engstirnig“.

          Schriftstellerverband verteidigt Walser

          Der Verband deutscher Schriftsteller (VS) stärkt dem Autor Martin Walser den Rücken. „Die Freiheit des Autors, auch in Grenzen zwischen Politik und Moral vorzudringen, muss unantastbar sein“, sagte VS-Vorsitzender Fred Breinersdorfer.

          Dem Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Frank Schirrmacher, warf Breinersdorfer einen „öffentlichen Überfall“ auf Walser vor. Damit habe er bewusst „eine solch aufgeheizte Debatte“ angezettelt. Der VS-Vorsitzende forderte Schirrmacher auf, auf Walser zuzugehen und sich zu entschuldigen“.

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