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Literatur-Nobelpreis 2001 : Humanist der Moderne - V.S. Naipaul

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Vidiadhar Surajprasad Naipaul Bild: AP

Der britisch-indische Autor V.S. Naipaul erhält den Literatur-Nobelpreis. Die Bekanntgabe stieß auf Überraschung und Zustimmung.

          3 Min.

          Seine lebenslange Suche nach den Mechanismen der modernen Welt hat V.S. Naipaul zum Literatur-Nobelpreis geführt. Als die Königlich Schwedische Akademie am Donnerstag bekannt gab, dass der 69-jährige britische Autor 2001 die begehrte Auszeichnung erhält, würdigte sie ihn als „literarischen Weltenumsegler“, dessen Werke die „Gegenwart verdrängter Geschichte“ sichtbar machten. Naipauls Novellen und Romane kreisen um Rassenfragen, postkoloniale Probleme und die Entwurzelung und Verlogenheit des Menschen.

          Die Reaktionen auf der Frankfurter Buchmesse waren von Zustimmung und Überraschung geprägt: Trotz seiner Ehrungen habe der bereits seit Jahren als Anwärter gehandelte Naipaul „selbst nicht mehr daran geglaubt“, den Nobelpreis zu erhalten, so sein französischer Agent Iwan Nabokow: Dafür sei er politisch zu „inkorrekt“, sagte Nabokow. Noch in Erinnerung sei etwa die scharfe Kritik Naipauls am britischen Premierminister Tony Blair. Den hatte Naipaul als „Pirat“ an der Spitze der „sozialistischen Revolution“, die das „Ideal der Zivilisation“ in Großbritannien zerstöre, angegriffen. Naipaul selbst wolle nicht zur Buchmesse kommen, wie sein Verlag Hoffmann & Campe am Donnerstag mitteilte. Die Schwedische Akademie berichtete, der Autor sei zu Hause in England und die Zuerkennung des Preises habe ihn „völlig überwältigt“.

          Die Bücher fehlen in Frankfurt

          Unvorbereitet traf die Entscheidung auch Naipauls englischsprachige Verlage auf der Frankfurter Buchmesse. Die engsten Agenten und Herausgeber des Autors waren in der Mittagspause und konnten ihren Autor in England zunächst telefonisch nicht erreichen. An den Ständen gab es kaum Bücher der umfangreichen Veröffentlichungen. Von Naipauls neuestem Werk, dem Roman „Half A Life“, gab es am Stand von Macmillan nur eine Hand voll Bücher.

          Der Münchner Claassen Verlag will den Erscheinungstermin des neuen Romans unter dem deutschen Titel „Ein halbes Leben“ jetzt vorziehen. Das Buch solle möglichst schon Ende des Jahres - statt Anfang 2002 - erscheinen, sagte Claassen-Verlagsleiterin Doris Janhsen am Donnerstag auf der Frankfurter Buchmesse. Auch Naipauls politische Reisereportage über Pakistan mit dem Titel „Beyond Belief“ (Jenseits des Glaubens) solle so schnell wie möglich erscheinen.

          Humanist der Moderne

          Einen „neuzeitigen Aufklärungsschriftsteller“ nennt die Schwedische Akademie Naipaul, der Gao Xingjian und Günter Grass als Preisträger folgt. Vidiadhar Surajprasad Naipaul, wie der Name des Schriftsteller im Ganzen lautet, wurde 1932 in Chaguanas in der Nähe von Port of Spain auf Trinidad geboren.

          Heute zählt er zum britischen Kultur-Establishment und ist doch weiter ein Getriebener, ständig auf der Suche nach den Wurzeln des modernen Menschen. Nicht nur in seinen Novellen und Romanen reiste Naipaul um die Welt: Bereits mit 18 Jahren verließ er die Antillen, um nach England zu gehen. An der renommierten Oxford University studierte er englische Literatur.

          Doch schon bald trieb es Naipaul wieder in die weite Welt. Seine Reisen führten ihn in die indische Heimat seiner Eltern, nach Afrika, Südamerika, auf die Antillen und in den Orient. Naipaul begann nach den Worten der Stockholmer Jury als „Schilderer des Volkslebens“. In seinem Debüt „Der mystische Masseur“ habe er sich zudem als Humorist bewiesen.

          Sir V.S., Dokumentar des Postkolonialismus

          Im Laufe seiner Arbeit spiegelten sich zunehmend schmerzvolle Erfahrungen der postkolonialen Geschichte in Naipauls Werken wider. So erzählt der Roman „Ein Haus für Mr. Biswas“ von 1961 von den Integrationsproblemen indischer Einwanderer in der Karibik, die zugleich ihre kulturellen Wurzeln beizubehalten versuchen. In dem von den Juroren als „Meisterwerk“ gelobten „Das Rätsel der Ankunft“ zeichnet Naipaul das Bild eines „stillen Kollapses der alten kolonialen Herrscherkultur und des Todes der europäischen lokalen Gesellschaft“. Intensive Reiseberichte verdichtete Naipaul 1981 zu dem Buch „Eine islamische Reise“.

          Der Beginn von Naipauls Karriere war von Geldnöten und Einsamkeit geprägt. In Oxford traf er seine erste Frau Pat, die er 1955 heiratete. Die Ehe hielt bis zu Pats Tod vor fünf Jahren, danach heiratete Naipaul ein zweites Mal. Der literarische Durchbruch gelang ihm 1971 mit dem Roman „Sag mir, wer mein Feind ist": Für das Werk wurde er mit dem renommierten britischen Booker Prize ausgezeichnet. Seiner schriftstellerischen Bedeutung zollte 1990 auch Königin Elizabeth II. Tribut, als sie den rebellischen Schriftsteller zum Ritter schlug.

          Die ersten Reaktionen der Literaturkritik auf die Entscheidung der Jury sind weit gespannt. Während Hellmuth Karasek betonte „Ich glaube, im Moment kann man sich fast keinen besseren Kandidaten wünschen“, hält Marcel Reich-Ranicki die Wahl für eine vertane Chance: Vor dem Hintergrund der Attentate vom 11. September hätte der Preis an einen der großen amerikanischen Autoren gehen sollen. Auch der ehemalige Kulturstaatsminister Michael Naumann sagte, er persönlich hätte einen amerikanischen Autor wie Thomas Pynchon, Philip Roth oder John Updike für die bessere Wahl gehalten.

          Dem widersprach Wolfgang Balk von dtv: Den Preis an Naipaul zu verleihen, entspreche genau der aktuellen Situation, weil in seinem Werk Amerika und Asien zusammenträfen. Dem stehen Stimmen gegenüber, die Naipaul als Zyniker, Nestbeschmutzer und arroganten Imperialisten werten, weil er mit kühler Distanz über die Dritte Welt schreibe.

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