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Literatur : Martin Walser überrascht über Absage der F.A.Z.

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Martin Walser Bild: dpa

Martin Walser hätte „Tod eines Kritikers“ „nie geschrieben“, wenn er geahnt hätte, dass man es auf den Holocaust bezieht.

          Mit völligem Unverständnis hat der Autor Martin Walser auf die Ankündigung der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ reagiert, seinen neuen Roman nicht als Vorabruck zu veröffentlichen. „Ich hätte nie, nie, niemals gedacht, dass jetzt dieses Buch auf den Holocaust bezogen wird. Verstehen Sie, dann hätte ich das Buch nicht geschrieben“, sagte Walser in einem Interview im Kulturjournal des Norddeutschen Rundfunk (NDR). Die F.A.Z. hat den Vorabdruck des neuen Romans abgelehnt, weil er mit dem Repertoire antisemitischer Klischees spielt.

          In dem Schlüsselroman fällt ein Star-Kritiker namens André Ehrl-König vermeintlich einem Mord zum Opfer. Täter ist angeblich ein vom Kritiker verrissener Schriftsteller. Am Ende kommt heraus, dass der Kritiker den Mord nur fingiert hat, um ungestört mit seiner Geliebten untertauchen zu können.

          Vorbild der Hauptfigur des neuen Romans mit dem Titel „Tod eines Kritikers“ ist, wie unschwer zu erkennen, der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Der Erzähler verballhornt dessen jiddisch gefärbten Sprachduktus: "Denken Sie nur an den Ehrl-König-Sound, wenn er über doitsche Scheriftsteller spericht und über die Sperache, die sie schereiben und wie scherecklich es ist, sein Leben geweiht zu haben einer Literatür, die zu mehr als noinzig Perozent langeweilig ist", heißt es an einer Stelle.

          Frank Schirrmacher, für das Feuilleton zuständiger Mitherausgeber der F.A.Z., nennt den Roman ein „Dokument des Hasses“ und eine „Mordphantasie“.

          Marcel Reich-Ranicki überlebte zusammen mit seiner Frau die Verfolgung durch die Nationalsozialisten im Warschauer Getto. „Einen Roman, in dem die Ermordung des Kritikers fiktiv nachgeholt wird, werde diese Zeitung nicht abdrucken“, begründet Schirrmacher die Entscheidung der Redaktion.

          Reich-Ranicki selbst wollte bislang nicht Stellung nehmen zum Streit zwischen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und dem Schriftsteller Martin Walser. „Ich äußere mich zu dieser Sache nicht“, sagte der Kritiker.

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