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Literatur : Fast so schön wie ein Roman: Memoiren von Gabriel García Márquez

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„El País“ hat eine Kostprobe aus den Memoiren von Gabriel García Márquez abgedruckt. Das erste Kapitel ist so geschickt erzählt wie die großen Romane des Nobelpreisträgers. Ein erster Lese-Eindruck.

          Der Literatur-Nobelpreisträger Gabriel García Márquez hat seine inzwischen lang erwarteten Memoiren geschrieben. In Spanien und Kolumbien ist jetzt das erste Kapitel erschienen. Die spanische Zeitung „El País“ und das kolumbianische Magazin „Cambio“ haben es parallel veröffentlicht.

          Das Kapitel beginnt mit der Liebesgeschichte seiner Eltern und endet 1955, in dem Jahr, in dem Márquez' erster Roman „Laubsturm“ erschien - ein Buch, das eine charakteristische Technik seiner späteren Romane vorwegnimmt, die Erzählung aus unterschiedlichen Perspektiven.

          Liebesromanze, wie sie das Leben erzählt

          Die reale Liebesgeschichte ist eine der schönsten, die García Márquez je niedergeschrieben hat. Seine Mutter Luisa Santiaga, eine Tochter aus gutem Haus, verliebte sich im ersten Viertel des letzten Jahrhunderts in einen gutaussehenden, jedoch ärmlichen Angestelten eines Telegrafenamtes.

          García Márquez erzählt die Geschichte nicht so, als gebe es eine Wahrheit. Wie in seinen Romanen schildert er den Hergang der Ereignisse aus wechselnden Blickwinkeln. Sein Fazit: „In den verschiedenen Gesprächen, die ich mit ihr und mit meinen Vater hatte, stimmten beide überein, dass die fulminante Liebe drei Gelegenheiten hatte.“ Der Funke sprang endgültig über, als der Verehrer eine Rose aus seinem Knopfloch nahm und sie der jungen Frau mit dem Satz überreichte: „Mit dieser Rose schenke ich Ihnen mein Leben.“

          Rose im Knopfloch

          Seine Mutter erinnerte sich später: „Ich konnte aus Wut darüber, dass ich an ihn denken musste, nicht schlafen, aber was mich noch wütender machte, war, dass, je wütender er mich machte, ich umso mehr an ihn denken musste.“

          Trotzdem wäre die Geschichte nicht so bemerkenswert, würde man nicht erfahren, dass sie für seine literarische Entwicklung nicht unerheblich war. Seine Eltern waren „begnadete“ Erzähler, und sie erzählten diese Geschichte besonders gern. Der junge Gabriel García Márquez blieb davon nicht unbeeindruckt.

          Wie seine Mutter sich vergebens gegen die Liebe zu dem ärmlichen Telegrafen-Angestellten wehrte und ihr schließlich erlag, diese Geschichte hat romanhafte Qualitäten, und so verwundert es nicht, dass García Márquez sie Jahrzehnte später in seinen Roman „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ einbaute, wie er jetzt verrät. In dem Moment habe er nicht mehr gewusst, wo die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit verlaufe.

          Termin vergessen

          Diese Grenze ist auch in den Memoiren nicht leicht auszumachen. Dass seine Eltern vierzig Minuten zu spät heirateten, weil seine Mutter den Termin vergessen hatte, das klingt fast zu unglaublich, um wahr zu sein.

          García Márquez' unbändige Rabulistik und sein Hang zu effektvollen Übertreibungen schlägt auch durch, als er von seiner dramatischen Geburt am 6. März 1927 erzählt. Die Hebamme habe ausgerechnet an diesem Tag ihre Künste vergessen. Der Neugeborene wäre beinah von der Nabelschnur erwürgt worden.

          Seine Tante Francesca, so erinnert er sich, stürmte mit dem Ruf „eine Junge, ein Junge“ aus dem Zimmer. Dann verlangte sie Rum, aber nicht um sein bevorstehenden Ableben zu begießen, wie er feststellt, sondern um ihn durch belebende Rum-Wickel zu reanimieren.

          Junge, Junge

          Voller Panik, dass der Kleine ungetauft das Zeitliche segnen könnte, wurde García Márquez dann „notgetauft“. Da der Tante in der Aufregung kein Namen einfiel, wählte man zunächst den Tagesheiligen Olegario, bewies dann aber mehr Geschmack und benannte den Sohn nach seinem Vater. Den zweiten Namen entnahm man dem Schutzpatron von Aracataca, José.

          Wäre der Begriff nicht so abgenutzt, man möchte diesen ersten Einblick in die Memoiren des berühmten Schriftstellers fast mit dem Prädikat „magischer Realismus“ versehen. Doch wo Wahrheit und Rabulistik sich so unterhaltsam vermählen, da sieht man voller Vorfreude der Fortsetzung entgegen.

          Den zweiten und den dritten Teil seiner Memoiren muss García Márquez allerdings noch schreiben. Der zweite Band soll bis zur Veröffentlichung des Romans „Hundert Jahre Einsamkeit“ reichen. Im dritten Band will der Nobelpreisträger von seinen Beziehungen zu verschiedenen Staatschefs erzählen.

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