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Literatur : Die Weltliteratur speist sich aus 20 Masterplots, oder?

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Die kürzeste Literaturgeschichte der Welt: Ronald B. Tobias' Buch „20 Master Plots (And How to Build Them)” Bild:

Robin Detje wirft einen skeptischen Blick auf die wohl kürzeste Literaturgeschichte der Welt, die „20 Master Plots“ von Ronald B. Tobias.

          Nachdem die Feuilleton-Debatte um die kürzeste deutsche Literaturgeschichte Deutschlands verklungen ist, möchte ich hier kurz von der kürzesten Literaturgeschichte der Welt berichten. Sie stammt von Ronald B. Tobias aus Bozeman, Montana, der ein Buch zum Thema „20 Masterplots - Woraus Geschichten gemacht sind“ geschrieben hat. Auf Deutsch ist es schon vor drei Jahren bei Zweitausendeins erschienen, als Teil einer ganzen Reihe von Büchern, die den Kulturbetrieb auf die Globalisierung vorbereiten sollen.

          Der viele Jahrtausende des Schreibens umfassende Text besteht aus zwei Sätzen und einer Zwischenfrage und soll hier ungekürzt wiedergegeben werden: „Als Leser sind wir ausgesprochen plot-orientiert. Es hat Autoren gegeben, die Romane ohne Plot geschrieben haben (manche haben damit auch Achtungserfolge erzielt), doch wir lieben einen guten Plot so sehr, dass wir nach einer kurzen Phase des Aufbegehrens (Schriftsteller erbost: 'Warum muss der Plot immer das wichtigste Element sein?') zur hergebrachten Erzählweise zurückkehren.“

          Die Erziehung des Lesers zum Funktionär

          Das war's. Die Literaturgeschichte hat nun ein klares Ziel, einen welthistorischen Auftrag, Widerstand ist zwecklos. Namen dissidenter Autoren werden nicht genannt, da die kindische Methode der Plotlosigkeit (siehe auch: *Avantgarde, *Moderne) ja höchstens Anerkennungserfolge bringt. Bei unserer Plot-Orientierung handelt es sich für Tobias um eine anthropologische Konstante.

          Das Buch behauptet, dass sich die Geschichte wiederholt und wir uns immer wieder dieselben Geschichten erzählen (was natürlich irgendwie das Ende der Geschichte bedeutet). Die Weltliteratur speist sich aus 20 Masterplots, modellhaften Stories von Rettung, Rache, Liebe, Abenteuer usw. Filmvergleiche und Autoverfolgungsjagden hat der Autor besonders gern: „Szenen wie diese reißen uns unmittelbar und physisch mit, nicht auf einer abgehobenen geistigen Ebene.“ Wir kennen das. Aus diesem anti-intellektuellen Ressentiment speist sich die ganze Bewegung. Es geht hier um die Erziehung des Lesers zum Funktionär im System der Erfolgsliteratur.

          Rationalisierung, Outsourcing, Downsizing

          Es dürfte inzwischen klar sein, dass es sich hier um ein Arbeitgeberkonzept von Literatur handelt. Es enthält:

          - Rationalisierung (der Leser wird direkt angegangen, nicht auf dem doofen Umweg durch den Kopf; er wird gleich an seinen anthropologisch konstanten Weichteilen gepackt, was Zeit spart und die Vermittlungswege verkürzt);

          - Outsourcing (die Vormachtstellung der abgehobenen, eitlen und schwierigen „Dichter“, die in Deutschland seit kurzem auch noch „angemessen“ bezahlt werden wollen, wird gebrochen und das Schreiben einer neu geschaffenen Kaste ergebener Handwerker übergeben; die Kritik kann nun der Produktempfehlung weichen);

          - Downsizing (es schrumpft das Hirn des Menschen zum willigen
          Herz des Kunden);

          - und so weiter (lässt sich alles auch als Pfeil-Diagramm darstellen).

          Der Literaturbetrieb hat sich in den vergangenen Jahren so eifrig um die Erlangung der Marktreife bemüht wie die Bundeswehr um die Teilnahme an Nato-Friedensmissionen, mit demselben infantilen Drang, endlich erwachsen zu werden. Jetzt ist es in etwa so weit. Buchhandelsketten balgen sich mit einem Buchclub um den Zugriff auf die Verwertungsrechte am neuen Grisham. Der Titel: „Die Farm“. Der Plot: Der kleine Luke wächst glücklich auf - bis er die schwerste Entscheidung seines Lebens treffen muss! Eine Club-Premiere! 464 Seiten. Mit Lesebändchen. Gebunden mit Schutzumschlag. Buchhandel gegen Buchclub: Es ist ein Kampf der Titanen, deren Wiederkehr schon Ernst Jünger vorhergesagt hat. Die Titanen haben natürlich fürchterliche Angst. Wer wird gewinnen?

          20 Masterplots aus Bürotopia

          Was für ein Romanstoff! Denn so lässt sich der Sexappeal der Konzerne erklären, die nach dem Pharma-Markt (Viagra!) nun auch den Buchmarkt erobern (Grisham!): Sie bieten uns kleinen Angestellten-Seelchen eine große Opernbühne, auf der all unsere Leidenschaften live verhandelt werden. Hierarchien, Aufstieg, Abstieg, feindliche Übernahme, Kampf um marktbeherrschende Vormachtstellung, in der Mittagspause Liebe machen mit der Sekretärin unterm Schreibtisch. 20 Masterplots aus Bürotopia! Dazu die Verklärung des Konzernziels ins Mystisch-Religiöse, die der ganzen Veranstaltung ihren sektiererischen Touch gibt - und schwupp: umfunktioniert zu Verbesserern der Konzernbilanzen sind die Weltverbesserer erst mal von der Straße.

          Der subventionierte Kulturbetrieb, in dem man sich einreden durfte, dass es um Inhalte geht, war der Osten des Westens, die Planwirtschaft mit der Goldkante. Nun ist der Westen im Westen angekommen. Das Alte dagegen, das nun abgeräumt wird, als gäb's kein Gestern, stellt das Gewerkschaftskonzept von Literatur dar und ist auch nicht zu retten. So rauscht das wilde, wilde Leben an uns vorbei, und neue Buchhalter führen nach neuen Regeln Buch über uns. Wir dämonisieren sie nach Kräften. Auch wir wollen schließlich eine Rolle in ihrer Oper, und wäre es die Opferrolle. „Das Leben ist ein Roman“ hieß Anfang der Achtziger ein geistig abgehobener Film von Alain Resnais. Auf in den Kampf der Titanen! Eine Club-Premiere! 4064 Seiten. Mit Lesebändchen.

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