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Literatur : Die Publizistin Carola Stern ist tot

  • Aktualisiert am

Carola Stern, 1925 - 2006 Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Carola Stern, eine der bedeutendsten deutschen Publizistinnen der Nachkriegszeit, ist im Alter von 80 Jahren in Berlin gestorben. Sie war Mitbegründerin der Deutschen Sektion von Amnesty International und ehemalige PEN-Vizepräsidentin.

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          Die Publizistin und Journalistin Carola Stern ist nach Angaben des Kölner Verlags Kiepenheuer & Witsch im Alter von 80 Jahren in Berlin gestorben.

          Wie der Verlag am Freitag in Köln mitteilte, starb die Schriftstellerin am Vorabend nach kurzer schwerer Krankheit. Die Mitbegründerin der Deutschen Sektion der Menschenrechtsorganisation Amnesty International und ehemalige PEN-Vizepräsidentin habe noch vor kurzem mit Freunden und Mitstreitern ihren Geburtstag gefeiert.

          Ins Leben der als Erika Assmus 1925 in Ahlbeck auf der Ostseeinsel Usedom geborenen Carola Stern kerben die geschichtlichen Umbrüche, „Drittes Reich“ und Teilung Deutschlands, tief ihre Spuren ein. Der Führerglaube der Jungmädel-Gruppenleiterin mauserte sich in Berlin zum Parteigehorsam in der SED-Parteikaderschule, aber als Informantin des amerikanischen Geheimdienstes mußte sie Hals über Kopf die DDR verlassen. Sie studierte Soziologie und Politische Wissenschaften an der FU Berlin, gab eine wissenschaftliche Laufbahn preis und ging 1960 als Verlagslektorin nach Köln, wechselte dann zum WDR. Hier arbeitete die Redakteurin und die Kommentatorin des Rundfunks und - als erste Frau - des Fernsehens zwischen 1970 und 1985. Als Journalistin begann sie, wie sie gern erzählte, mehr aus Verlegenheit und Zufall unter dem Pseudonym Carola Stern zu schreiben.

          Im Spannungsfeld von Literatur und Politik

          Es gibt wohl keine deutsche Publizistin von vergleichbarer Breitenwirkung im Spannungsfeld von Literatur und Politik. Die Mitbegründerin von „Amnesty International“ und Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift „L 76“, dann „L 80“ (zusammen mit Heinrich Böll und Günter Grass) war zugleich Autorin von Dokumentationen zur Teilung Deutschlands, mit dem „Porträt einer bolschewistischen Partei“ und einer Ulbricht-Biographie und mit Büchern über Willy Brandt und Gustav Heinemann. Der entscheidende Grenzübertritt zur erzählenden Schriftstellerin aber vollzog sich in ihrem autobiographischen Buch „In den Netzen der Erinnerung“ (1986).

          Darin erzählte Carola Stern zwei Jugendgeschichten, die eigene und die ihres Mannes, des in der DDR als Mitglied der Harich-Gruppe zur Zuchthausstrafe verurteilten Heinz Zöger. Von nun an unternahm Carola Stern Streifzüge in die Geschichte der Literatur, der Kunst und der „Sache, die man Liebe nennt“ (so der Titel ihrer Fritzi-Massary-Biographie von 1998). Der Durchbruch gelang mit zwei nicht unkritischen, aber doch mit Sympathie gezeichneten Lebensbildern bedeutender Frauen der romantisch-jüdischen Salonkultur in Berlin: Dorothea Schlegel (Mendelssohn) und Rahel Varnhagen (Levin). Diesen 1986 und 1990 erschienenen Büchern folgten drei Künstler-Doppelporträts: der Tänzerin Isidora Duncan und des Dichters Sergej Jessenin sowie der Theater- und Lebenspartner Bertolt Brecht / Helene Weigel und Gustaf Gründgens / Marianne Hoppe. Alle letzten Bücher kreisten um die Hauptstadt und Kulturmetropole Berlin, wohin auch Carola Stern nach der „Wende“ zurückkehrte.

          Ein zweiter autobiographischer Lebensbericht, der fürs Fernsehen verfilmt wurde, „Doppelleben“, erschien 2001. Es war ihre eigene Lebensgeschichte und darin zum erstenmal das Bekenntnis eines Doppellebens, das sie in der DDR in den Kalten Krieg verstrickte. Sie gab sich und den Lesern Rechenschaft über den „Identitätsverlust“, den sie in dieser Zeit hinnahm.

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