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Literatur : Das Phänomen Andreas Eschbach

Suchen den Weg zu Jesus: Darsteller in „Das Jesus Video” (Pro Sieben) Bild: Pro 7 Sat.1 Media AG

Ein Software-Entwickler auf Bestsellerpfaden: Andreas Eschbach, Autor des Romans "Das Jesus Video", den Pro Sieben verfilmt hat.

          3 Min.

          Am Anfang war ein Traum. Andreas Eschbach, das bekennt er auf seiner Homepage, hat immer davon geträumt im Kino zu sitzen und eine Verfilmung seines Romans durch Steven Spielberg zu erleben. Soweit ist es noch nicht, aber immerhin durfte Eschbach eine Filmfassung seines größten Erfolges begutachten: Der Zweiteiler nach seinem Roman "Das Jesus Video" wird von morgen an im Fernsehen gesendet.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          Der Film ist "nach Motiven des Romans" gedreht, der Autor, wie er bekennt, deswegen "befangen" in seinem Urteil. Der Fernsehrummel wird das Seine tun, um die Aufmerksamkeit für einen Autor zu steigern, der sich in wenigen Jahren mit stupendem Eifer zu einer festen Größe hochgeschrieben hat. Zuletzt gab er Kostproben in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung": Der dort abgedruckte Fortsetzungsroman "Exponentialdrift" wird 2003 bei Bastei-Lübbe erscheinen. Für Eschbach ist bis auf weiteres die Planstelle "deutscher Michael Crichton" reserviert. Er arbeitet darauf hin, aber noch scheint ihm aber das letzte Quentchen Raffinesse zu fehlen.

          Vorbilder Konsalik, Simmel, Kneifel

          Wie andere Vertreter seiner Generation ist er ein Unterhaltungsschriftsteller, der sich ohne Einschränkungen an amerikanischen Erzählmustern und deren stilistischer Mittellage orientiert. Er bekennt sich hemmungslos zu seinen Vorbildern Konsalik, Simmel, Kneifel, nennt aber auch Hamsun, Hemingway und Astrid Lindgren als prägende Lektüren. Unterhaltungshandwerker müssen einen stabilen Magen haben; vom Radarschirm der Kritik werden sie zumeist wegen fehlender literarischer Ambition erst gar nicht erfaßt. Daß sie beim Publikum ankommen, hat auch damit zu tun, daß sie mit ihrer "future fiction" Themen verhandeln, für die sich eine an "Perry Rhodan" geschulte Generation interessiert. Obwohl er seine beste Kundschaft (dreiviertel der Buchkäufer sind weiblich) schlecht bedient, haben Eschbachs Bücher eine Auflage von einer Million Exemplaren überschritten. Zwar ist selbst diese Zahl noch weit von Crichton entfernt, aber anders als dieser verkaufte Eschbach den Großteil seiner Auflage durch Mund-zu-Mund-Propaganda - und nicht durch globale Werbekampagnen.

          1959 in Ulm geboren, studierte Eschbach Luft- und Raumfahrttechnik, arbeitete als Softwareentwickler und als Geschäftsführer einer EDV-Beratung. Heute hat er sich ganz unspektakulär in einen Stuttgarter Vorort zurückgezogen - Flucht vor der Ablenkung, um der Phantasie mehr Spielraum zu geben. Er schreibt seit er zwölf ist, nebenher, aber doch so ambitioniert, daß ihm die Arno-Schmidt-Stiftung im Sommer 1994 ein Stipendium genehmigte, das endgültig die Weichen stellte. Aber wo Arno Schmidt sagt, ",Leser'? - achduliebergott. ,Leser', das sind Diejenigen, die zeitlebens ,Schirm' zu dem sagen, wobei einem Schriftsteller ,ein Stock im Petticoat' einfällt!", bleibt Eschbach entschieden auf der Schirmseite. Der Erzählgaul geht regelmäßig mit ihm durch, der letzte große Roman "Eine Billion Dollar" (2001) kam erst nach 730 Seiten zum Stehen.

          Erste Gehversuche in Science Fiction

          Für einen studierten Naturwissenschaftler von Eschbachs Zuschnitt war es gewiß naheliegend, die ersten Gehversuche in der Science Fiction zu unternehmen. "Die Haarteppichknüpfer" heißt dieser Testballon, den Eschbach 1995 steigen läßt, im Jahr darauf wagt er sich weg vom Programmieren und hinein in die Existenz des freien Schriftstellers. Sein zweiter Roman, "Solarstation" erhält den Kurd-Laßwitz-Preis. Eschbach mischt hier den klassischen Zukunftsroman in der Tradition von Ursula K. LeGuin mit Thrillertechnik aus dem Hause Alistair MacLean. Zum Bestsellerautor wird er 2001 mit der Taschenbuchausgabe des Thrillers "Das Jesus Video" (1998). Das Hardcover war noch durchgefallen, weil der Verlag seinerzeit alle Werbemittel vergeblich auf eine "Casablanca"-Romanfortsetzung konzentriert hatte. Eschbach wechselte in der Folge zu Lübbe und ist dort nun ein Leistungsträger.

          "Das Jesus Video" (F.A.Z. vom 9. Oktober 2001) markiert die Wende zu einer Spielart von Unterhaltungsliteratur, die - wie im Falle Crichtons - Faction und Fiction zu einem Zeitroman der Gegenwart verknüpft: Bei Ausgrabungen in Israel findet sich in einem Grab eine Videokamera, die den authentischen Jesus zeigt. Ein Archäologie-Thriller, der die Arbeitsweise des Mechanikers Eschbach illustriert. Die "amerikanische Art" nennt das Lübbe-Cheflektor Helmut Pesch: "Der Autor hat ein halbes Jahr gründlich recherchiert, dann steht die Sache und er wendet sich einem anderen Thema zu." Das unterscheide Eschbach von anderen Autoren, notabene von denen historischer Romane, die sich oft in jahrelanger Recherche zermürbten. Eschbach habe ein Sachthema, mache es sich zu eigen und schreibe es entlang einer Person, die als Identifikationsfigur tauge, in den Vordergrund. Daß die Fernsehfassung mehr Gewicht auf den "romantic interest", also die Liebesgeschichte legt, erscheint Pesch nur folgerichtig: "Bei Verfilmungen macht man aus einem Pferd ein Kamel, um damit besser durch die Wüste zu kommen."

          Kein Innerlichkeitsfanatiker

          Er besitze Absagebriefe von jedem wichtigen deutschen Verlag, hat Andreas Eschbach unlängst in einem Interview erzählt. Gebremst hat ihn dies offenbar nie. Allein in diesem Jahr sind bei Arena zwei Jugendbücher erschienen ("Das Marsprojekt"; "Perfect Copy. Die zweite Schöpfung"). Im Internet gibt er, auch darin überhaupt kein deutscher Innerlichkeitsfanatiker, detaillierte Einblicke in seine Schreibwerkstatt. Sogar ein Tagebuch für seine Leser führt er dort - und gebraucht dabei Worte wie "Hollywoodstreifen". Arno Schmidt hätte sich achduliebergott im Heidegrab gedreht.

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