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Literatur aus Litauen : Exil und Mutterland, zwei Welten

Das Werk der 1961 geborenen Ivanauskaite, die zwar in der Endphase der Sowjetunion debütierte, aber den Durchbruch erst im unabhängigen Litauen schaffte, ist ein Beispiel für die neue Freiheit, die sich die junge litauische Literatur nimmt. So weit wie keine andere Autorin und kein anderer Autor entfernt sie sich von der litauischen Realität, auch wenn diese in ihren Romanen immer gegenwärtig ist. Die Gegenwartsebene der "Regenhexe" spielt ganz im nachkommunistischen Litauen. In Ivanauskaites neuestem Roman "Von Träumen verweht" ("Sapnu nubloksti") geht es um einen Litauer, der mit anderen Westlern in Tibet nach Sinn und Lebenserfahrung sucht.

Es ist nicht das erste Buch Ivanauskaites, das sich mit Tibet, den Tibetern im Exil und dem Buddhismus befaßt - Mitte der neunziger Jahre unternahm sie ausführliche Reisen zu den Exiltibetern im Norden Indiens. Das Ergebnis sind drei eigenwillige Bücher, die fesselnde Mischungen aus Reisereportage, religions- und kulturwissenschaftlichen Abhandlungen und Erzählungen sind. Bei aller Sympathie für den Buddhismus und aller Ernsthaftigkeit ihrer spirituellen Suche stellt Ivanauskaite darin mit Ironie die Schwierigkeiten des Westlers mit der östlichen Kultur und ihr Befremden über die tibetischen Sitten dar.

In einer phantastisch verfremdeten litauischen Realität spielen die Erzählungen und das Romandebüt "Sterne der Eiszeit" ("Ledynmecio zvaigzdes", deutsch Berlin 2002) von Renata Serelyte, deren metaphernreiche lyrische Prosa in Litauen von der Kritik gefeiert wird. Serelytes Roman ist der äußeren Handlung nach ein Bildungsroman: Die Ich-Erzählerin wächst auf dem Land auf und flieht vor der Enge des Dorfs in die Stadt, wo sie in einer grotesk magischen Welt lebt.

Wenn allerdings in diesem Jahr in Litauen ein Buch Chancen hat, einen Nerv zu treffen, dann ist es der gerade erschienene Roman "Grüne" ("Zali") des neunundzwanzig Jahre alten Marius Ivaskevicius. Daß Ivaskevicius den historischen Partisanenkommandeur Jonas Zemaitis eine Geschichte erzählen läßt, in der es um Liebe, um Verrat und Untreue geht, könnte einige sogenannte "Superpatrioten" auf den Plan rufen, die immer wachsam sind, wenn sie nationale Heiligtümer beschmutzt sehen. Aufmerksamkeit hat der Roman von Ivaskevicius indes deshalb verdient, weil der Autor es schafft, die Geschichte jener Jahre so unaufgeregt zu erzählen, daß es um Menschen geht, nicht um Helden, Täter und Opfer. Zugleich vermeidet er es, in einen moralischen Relativismus zu verfallen, in dem alle Seiten gleich sind. "Grüne" zeigt, daß es in Litauen nach einem Jahrhundert, in dem das Land immer wieder in Frage gestellt wurde, eine Generation gibt, die sich ihrer Kultur und Geschichte sicher ist. Und sie kann davon erzählen, ohne sich durch Klischees und Schablonen der eigenen Identität zu versichern.

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