https://www.faz.net/-gqz-3vcq

Literatur aus Litauen : Exil und Mutterland, zwei Welten

In dieser Stille zündete Ricardas Gavelis 1989 seine "literarische Bombe", wie der Roman "Vilniusser Poker" von Kritikern genannt wurde. Es war nicht schwierig, eine Leserschaft zu schockieren, die ihr ästhetisches Empfinden an Büchern schulen mußte, die nur mit Erlaubnis überaus prüder Zensoren erscheinen konnten. "Vilniusser Poker" ist ein überzeugender Versuch, die Deformationen und Obsessionen zu untersuchen, die eine paranoide Tyrannei in einer Gesellschaft hinterläßt. Doch neben der Fäkalsprache war es vor allem die offene Darstellung von Sexualität, die für Aufregung sorgte - vor allem bei der katholischen Kirche, die nach fünfzig Jahren Verfolgung äußerst empfindlich auf tatsächliche oder vermeintliche Angriffe reagierte.

Außer Gavelis traten Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre weitere Erzähler hervor, die in sowjetischer Zeit allenfalls am Rande des literarischen Lebens standen. Einer der wichtigsten von ihnen ist der 1947 geborene Jurgis Kuncinas, der seinen ersten Roman 1991 veröffentlichte. Sein Werk hat weniger phantastische Elemente als das Werk von Gavelis und ist weniger düster. Die meisten seiner Romane, auch "Mobile Röntgenstation" ("Kilnojamosios Rentgenostotys", deutsch Oberhausen 2002), sind autobiographisch geprägte Texte über das Leben am Rande der sowjetischen Gesellschaft. Kuncinas hat bis 1989 nur Gedichte veröffentlicht. Bei ihm ging der Wechsel des politischen Systems mit einem Wechsel der literarischen Gattung einher - vor dem Ende der Zensur konnte er nicht auf die Veröffentlichung dessen hoffen, was er erzählen will. Zugleich verkörpert er damit eine Tendenz der neueren litauischen Literatur, in der die Lyrik nach und nach an den Platz rückt, an dem sie in den meisten anderen Nationalliteraturen Europas schon ist - an den Rand. Die Lyriker, die in den vergangenen dreißig Jahren die litauische Literatur dominierten, blieben populär, weil viele ihrer Texte als "gesungene Poesie" vertont worden sind. Allerdings gab es in den vergangenen zwölf Jahren wenig Neues von ihnen, und keiner ihrer aktuellen Gedichtbände reicht an die Werke aus den sechziger und siebziger Jahren heran. Es scheint symptomatisch, daß der jüngste, in diesem Jahr erschienene Gedichtband des Lyrikers Marcelijus Martinaitis den Titel "Entfernend" ("Tolstantis") trägt - und daß Martinaitis in diesem Jahr im Alter von sechsundsechzig Jahren als Romancier debütierte.

Freilich haben die meisten Romane in den neunziger Jahren weder jene Auflage noch jene Breitenwirkung entfaltet wie etwa Martinaitis' 1977 erschienener Gedichtzyklus "Die Balladen des Wiedehopfs" ("Kukucio Balades"). Die Literatur als ganze hat an Bedeutung verloren, seit sie nicht mehr die Last zu tragen hat, in einem von Verboten verstellten öffentlichen Raum all das aussprechen zu müssen, was nur in Andeutungen gesagt werden darf. Literarische Skandale wie der um Jurga Ivanauskaites Roman "Die Regenhexe" ("Ragana ir Lietus", deutsch München 2002) sind heute schwer vorstellbar. Die auf drei Zeitebenen von der Zeit Jesu bis heute angesiedelte Geschichte dreier Frauen, die Beziehungen zu Gottesmännern haben, hat unmittelbar nach ihrem Erscheinen 1993 wegen der offenen erotischen Beschreibungen zu einem Aufschrei der Empörung geführt - die Stadtverwaltung von Vilnius wollte das Werk sogar verbieten lassen.

Weitere Themen

Immer nur Pech

TV-Krimi „In Wahrheit“ beim ZDF : Immer nur Pech

Still ruht der Anstand: In der ZDF-Sozialkrimi-Reihe „In Wahrheit“ muss Kommissarin Judith Mohn ein Muttertrauma überwinden. Dabei wird es psychologisch recht finster.

Topmeldungen

Atemschutzmasken aus China: Das Flugzeug der New England Patriots hat in der Krise eine neue Aufgabe.

Tausende Masken verschwunden : Moderne Piraterie?

Hat Amerika wegen der Corona-Krise der deutschen Hauptstadt 200.000 Atemschutzmasken weggeschnappt? Das sagt der Berliner Senat. Das Weiße Haus stellt die Sache anders dar.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.