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Literatur aus Litauen : Exil und Mutterland, zwei Welten

Es ist kein Zufall, daß sich drei Autoren im Exil ihre Schaffenskraft über lange Zeit bewahren konnten, die auch außerhalb der litauischen Gemeinde eine literarische und künstlerische Heimat gefunden haben: Der Filmemacher und Kritiker Jonas Mekas, der in litauischer Sprache Gedichte und Essays verfaßt, der Anfang der siebziger Jahre nach Israel emigrierte Erzähler Icchokas Meras und der ebenfalls in den siebziger Jahren in die Vereinigten Staaten emigrierte Lyriker Tomas Venclova, der als Hochschuldozent über slawische Literaturen lehrt und sich mit seinen engen Kontakten zu den Nobelpreisträgern Jossif Brodskij und Czeslaw Milosz in eine übernationale osteuropäische Kultur einbürgerte.

Eine "Wiedervereinigung" der getrennten Zweige der litauischen Literatur aus Exil und Mutterland konnte es nach der Wende nicht geben, weil die Literatur der Exillitauer schon Geschichte war, als sie in Litauen ankam. Es bedurfte einer gewissen Inkubationszeit, bevor sie zum Teil einer Literatur wurde, deren Traditionen an mehr als nur an einer Stelle unterbrochen worden waren.

Denn von ihren Wurzeln abgeschnitten waren auch jene jungen Autoren, die im sowjetischen Litauen schrieben: Fast die gesamte Literatur, die vor 1940 in litauischer Sprache geschrieben worden war, galt als ideologisch schädlich und war damit als Bezugspunkt tabu. Erst Anfang der sechziger Jahre begann eine neue Generation von Lyrikern mit einer eigenen Stimme zu sprechen. Sie begannen noch einmal - unter anderen Vorzeichen als die Generation der Zwischenkriegszeit - mit dem Versuch einer Synthese aus der dörflichen Kultur und der Moderne. Damit sprachen sie ein Publikum an, das während der raschen Urbanisierung Litauens in den Nachkriegsjahren denselben Weg wie sie vom Land in die Stadt zurückgelegt hatte. Lyriker wie Justinas Marcinkevicius oder Marcelijus Martinaitis wurden populär, weil sie mit ihren Lesern ein unausgesprochenes Einverständnis über Erfahrungen herstellen konnten, die sie mit der staatlichen Propaganda hatten. Dazu gehörte auch, daß unterschwellig nationale Gefühle berührt wurden, die in Prosa nicht hätten formuliert werden dürfen.

Während für die Lyrik der Rückgriff auf ländliche Traditionen ein Erfolgsrezept war, mußte die enger an der ideologischen Leine geführte Prosa gerade auf diesem Gebiet versagen: Die Zwangskollektivierung, die Deportationen und der Partisanenkrieg, also jene Ereignisse, deren unmittelbare und mittelbare Folgen das Leben auf dem Land bestimmten, durften nicht aus der Perspektive dargestellt werden, in der sie von der Mehrheit der Litauer erlebt worden waren.

Gemeinsam waren der populären Lyrik und der unpopulären Prosa der Sowjetzeit, daß sie die Provokation mieden. Gerade weil sie zu solchen Kompromissen mit den Machthabern gezwungen waren, die von einem großen Teil der Litauer nie akzeptiert wurden, suchten die Schriftsteller auf der anderen Seite das Einvernehmen mit ihren Lesern. Das führte dazu, daß es wenig Bewegung gab und Ende der achtziger Jahre noch immer jene Lyriker den Ton angaben, mit denen die litauische Literatur in den sechziger Jahren von neuem begonnen hatte.

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