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Literatur aus Litauen : Exil und Mutterland, zwei Welten

Die Abgründe, die zwischen Gavelis und Brazdzionis liegen, sind der feindliche Lebensraum der litauischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts, die gewaltsam in zwei Teile zerrissen wurde. Als Litauen 1918 ein unabhängiger Staat wurde, gab es in dem kleinen Volk nur eine dünne Schicht von Intellektuellen, von denen die Mehrzahl aktiv daran beteiligt war, diesen Staat zu erstreiten und aufzubauen. Eine städtische Elite gab es kaum. Die meisten Intellektuellen stammten vom Land aus einfachen Bauernfamilien; viele von ihnen waren katholische Priester, da der einzige Weg zu Ausbildung und Bildung oft durch die Kirche führte. Die litauische Literatur am Anfang des vergangenen Jahrhunderts war ein verspäteter Nachhall jener romantischen Dichtung, die sich in Polen, Ungarn, Böhmen und auch Deutschland hundert Jahre zuvor in den Dienst nationaler Erweckungsbewegungen gestellt hatte.

Die rasante Entwicklung der Zwischenkriegsjahre war von dem Versuch geprägt, eine Synthese der archaischen bäuerlichen Kultur der litauischen Dörfer, in denen die meisten Schriftsteller aufgewachsen waren, und der Moderne herzustellen, die sie bei ihren Studien in Berlin, Paris und London kennengelernt hatten. Doch nach nur zweiundzwanzig Jahren war es mit der freien Entwicklung im Juni 1940 zu Ende, als die Sowjetunion Litauen zum ersten Mal besetzte. Deportationen nach Sibirien, Verhaftungen unter deutscher Besatzung,Kriegshandlungen, eine Fluchtwelle beim Vorrücken der Roten Armee 1944, neuerliche Massendeportationen und der bis 1953 währende Partisanenkampf gegen die sowjetischen Besatzer hatten zur Folge, daß von den Intellektuellen der Vorkriegszeit kaum noch einer im Lande war, als die Schüsse endlich ganz verstummten.

Fast alle überlebenden Schriftsteller von Rang waren nach dem Krieg im Westen, zunächst in Deutschland, seit Ende der vierziger Jahre in den Vereinigten Staaten. Was für die Exilschriftsteller aus großen Ländern wie Polen und Rußland galt, galt für die Litauer erst recht: Sie hatten keine Leser mehr und waren ihrer Wurzeln beraubt. Die bedeutenden Werke der litauischen Exilschriftsteller wie die Romane "Die Reise" ("Kelione") von Algirdas Landsbergis, "Das weiße Laken" ("Balta Drobule") von Antanas Skema und "Über die Wälder kommt der Herbst" ("Miskais ateina ruduo") von Marius Katiliskis erschienen bis Ende der fünfziger Jahre.

Eine Gruppe von Lyrikern versuchte zur selben Zeit in der Zeitschrift "Literaturos lankai", eine Literatur in litauischer Sprache am Leben zu erhalten, die keinen politischen und ideologischen Imperativen gehorchte. Das war ein aussichtsloses Rückzugsgefecht gegen die Forderung des aktiven Teils der Exillitauer, wie Bernardas Brazdzionis die Literatur in den Dienst der Befreiung Litauens zu stellen. Er knüpfte indes an die romantische Tradition der Gründerväter der litauischen Literatur an, die schon zur Zeit ihrer Entstehung ein Anachronismus war.

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