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Literatur aus Litauen : Aus den Wäldern in die Welt

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Litauen: kleines Land, bewegte Geschichte. Das Bild zeigt den Glockenturm der Kathedrale von Vilnius Bild: dpa

In den Büchern eines Landes, sagt der litauische Schriftsteller Teodoras Cetrauskas, kann man die Seele seines Volkes spüren.

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          „Der letzte Partisan ist erst 1993 aus seinem Bunker gekommen.“ Die Rede ist nicht von Vietnam, nicht vom Golfkrieg oder von Afghanistan, sondern von Litauen, dem Gastland der diesjährigen Buchmesse. „Waldbrüder“ nannte man jene Menschen, die - im Westen kaum wahrgenommen - seit dem Ende des zweiten Weltkriegs der russischen Besatzung erbitterten Widerstand leisteten, wie der litauische Schriftsteller Teodoras Cetrauskas in einem Interview mit FAZ.NET erzählt. Besonders in den Nachkriegsjahren gab es in den schwer zu durchdringenden litauischen Wäldern regelrechte Partisanen-Heere, bei denen einzelne „Generäle“ bis zu 30.000 Mann unter sich vereinigen konnten.

          Über diese Epoche in der baltischen Geschichte schreibt Cetrauskas in seinem neuen Roman „Als ob man lebte“. Uns westlichen Lesern mag diese weit zurückliegende Epoche als verstaubtes Thema erscheinen. „Dass ich mit dem Blick soweit zurückgehe, hat mit meiner Biografie zu tun, mein Vater starb auf solche Weise wie der Held des Buches. Zugleich wollte ich so etwas wie eine Geschichte von ganz Litauen aufschreiben.“

          Unbewältigte Vergangenheit

          Ähnliche Rückblicke auf das vergangene Jahrhundert haben zahlreiche Autoren des ehemaligen Ostblocks in den 90ern veröffentlicht (etwa Olga Tokarczuk mit ihrem Roman „Ur und andere Zeiten“). In diesen Ländern herrscht, was die Vergangenheitsbewältigung angeht, Nachholbedarf. Cetrauskas selbst vergleicht es mit Nachkriegsdeutschland, wo die Auseinandersetzung mit dem Nazi-Regime erst zehn, fünfzehn Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs mit Romanen wie Grass' „Blechtrommel“ verstärkt Einzug in die deutsche Literatur erhielt.

          Cetrauskas berührt mit seinem Thema so etwas wie einen Nationalmythos des modernen Litauen, ohne dabei in Nationalpathos zu verfallen. So ungeschönt er die grausamen Sanktionsmaßnahmen der „Bratoks“ - Brüderchen, wie er die russischen Besatzer mit abgründigem Sarkasmus nennt - schildert, so unverstellt erzählt er auch von der schrecklichen Lynchjustiz, die unter den „Waldbrüdern“ üblich war.

          Die grausamen Brüderchen

          In einer Szene des Buches eliminiert eine russische Patrouille-Einheit den Stab des Partisanen-Generals „Teufel“ im Obergeschoss eines dörflichen Kinderheimes. Minutenlang feuern die „Brüderchen“ aus allen Rohren vom Erdgeschoss aus durch die Decke, bis an fünf Stellen das Blut der Eingeschlossenen durch die Deckenhölzer tropft. Nach diesem Massaker wird der Dorfschuster des Verrats bezichtigt, weil er mit einem Korb Pilzen aus der gleichen Richtung aus dem Wald kam wie zuvor die Patrouille. Noch am gleichen Tag ist der Schuster verschwunden, er wird kurze Zeit später im Fluss gefunden, „und alle sahen, dass der Schuster sich kopfüber im Wasser befand, als suchte er irgendetwas auf dem Grund des Flusses, als könnten dort Perlen sein. (...) Er tauchte so seltsam auf, weil er einen Stein um den Hals trug.“

          Das Bemerkenswerte an Cetrauskas' neuem Buch ist die Form, in der er seine Schauergeschichte erzählt: Die Grausamkeit wird immer wieder von einem schelmischen Erzählton gebrochen, durch Ironie und schwarzen Humor konterkariert. „Ich wollte die Details nicht aussparen, ich verbinde gern das Lächerliche mit dem Grausamen.“ Man könne dem Leser so mehr zumuten, erklärt Cetrauskas. Mit der Form der Groteske knüpft er an osteuropäische Literaturtraditionen an, seine literarischen Vorbilder sieht Cetrauskas aber mehr in den deutschsprachigen Autoren des zwanzigsten Jahrhunderts: Grass, Bernhard und Edgar Hilsenrath.

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