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Das Finale der Literaten : Aus dem Hintergrund müsste Böll schießen – Böll schießt – Tooooor!

  • -Aktualisiert am

So spielen die Dichter des deutschen Sprachgebiets die Weltauswahl aus: Schiller flankt auf Böll, da bleibt Joyce, Ibsen, Dostojewski und Shakespeare nur das Nachsehen. Bild: Greser & Lenz

Wenn der Kanon kicken könnte: Was ist die WM in Russland schon im Vergleich zum Fußballfinale einer Weltauswahl der Literatur gegen deutsche Schriftsteller? Eine Reportage aus dem Estádio Elíseo.

          8 Min.

          Karl Valentin mit dem Ball in den Strafraum. Filigranes Dribbling des Bayern-Kapitäns; Pech, dass er ausgerechnet den riesigen Beckett gegen sich hat: prompt grätscht der den Spaßvogel im deutschen Team ganz humorlos ab. Valentin hat auch schon mal glücklichere Tage gesehen, aber Beckett nimmt die Sache ernst, für ihn ist es eben ein echtes Endspiel und keine Orchesterprobe.

          Jetzt Fehlpass, der Ball landet bei der deutschen Auswahl, Büchner schnappt sich beherzt das Leder und zieht aus etwa zwanzig Metern gefährlich ab, doch Shakespeare, der Klassemann, ist auf dem Posten. Gute Aktion von Büchner, da hat er endlich mal gezeigt, was in ihm steckt, der Youngster von Darmstadt 98, der heute ein bisschen fahrig, ein bisschen gehetzt agiert; sein heimlicher Transfer zu Racing Strasbourg hat offenbar doch Spuren hinterlassen.

          Unpräziser Abschlag des Keepers von Arsenal London, Ball im Mittelfeld abgefangen von Hans Sachs, riskantes Anspiel auf Tommy Mann, Melville dazwischen, aber Lessing klärt auf, ins Seitenaus. Ganz starke Partie des Liberos von Eintracht Braunschweig.

          Langer Einwurf von Cervantes, der Ball kommt zu Hemingway, der verlängert auf Dante, der sofort ins Dribbling geht – also ich muss sagen, das ist schon göttlich anzuschauen, was der Junge vom AC Florenz da zeigt.

          „Ente“ Ibsen im Doppelpass mit Joyce, dem Dubliner Ausnahmespieler, aber der Angriff verpufft, Goethe kann den Ball annehmen. Erst mal durchatmen.

          Daten zum Finale

          Die Weltelf – Das deutsche Sprachgebiet 2:3 Weltelf: Shakespeare – Melville (78. Dostojewski), Cervantes, Dante, Ibsen – Hemingway – Homer, ...

          Die Weltelf – Das deutsche Sprachgebiet 2:3

          Weltelf: Shakespeare – Melville (78. Dostojewski), Cervantes, Dante, Ibsen – Hemingway – Homer, Joyce – Sophokles, Sartre, Beckett.

          Teamchef: Jorge Luis Borges

          Deutsches Sprachgebiet: Goethe – Kleist, Sachs, Valentin, Lessing – Kafka, Heine, Büchner, Schiller – Böll, Th. Mann.

          Teamchef: Marcel Reich-Ranicki
          Tore: 1:0 Hemingway (6.), 2:0 Ibsen (8.), 2:1 Kafka (10.), 2:2 Böll (18.), 2:3 Böll (84.)
          Schiedsrichter: Nobel (Schweden)
          Zuschauer im Estádio Elíseo: etliche Milliarden (ausverkauft)

          Besonderheiten: Die Meisterschaft der himmlischen Fußballscharen führte zum Endspiel zwischen zwei Schriftstellermannschaften, weil deutschsprachige Autoren traditionell nicht für die Weltauswahl berücksichtigt werden. Damit wird einer Weisheit von Englands Altnationaldichter Chaucer aus den „Kontertor Tales“ Rechnung getragen: „Fußball ist, wenn 22 Schriftsteller fabulieren, und am Ende gewinnen die Deutschen.“


          Oooh, viel zu kurzer Abschlag des Rekordnationalspielers, wird abgefangen von Melville, den sie zu Hause in New York liebevoll den „Wal“ nennen. Flanke zu Sartre, dem Linksaußen von Paris St.Germain, aber zu hoch, zu ungenau, sofort stürzen sich sechs, sieben deutsche Spieler wie die Fliegen auf das Leder und treiben es vor sich her, ehe Homer die Odyssee des Balles dadurch beendet, dass er den Ball wuchtig über die Köpfe der Zuschauer ins Seitenaus drischt. Der griechische Mittelfeldregisseur, der in seiner Heimat angeblich von sieben Vereinen umworben wird, hat seit seiner schweren Achillesfersenverletzung noch nicht zu alter Klasseform gefunden.

          Derweil findet bei der Weltauswahl ein Wechsel statt, Dostojewski ersetzt Melville, ein frisches Gespenst kommt für ein erschöpftes.

          Mal ehrlich, wer von uns hätte mit diesem Spielstand gerechnet? Ja, dieses 2:2 ist eine Riesensensation, das ist ein echtes Fußballwunder, und dabei ist dieses Wunder auf ganz natürliche Weise zustande gekommen, wir verdanken es nämlich einzig und allein unserer großartigen Mannschaft und dem Fußballverstand ihres Teamchefs Marcel Reich-Ranicki. Der einstige Libero des SC Charlottenburg, später Trainer beim HSV und bei der Frankfurter Eintracht, hat unsere Mannschaft mit seinem mühelosen, schnörkellosen Geradeaus-Stil in dieses Finale geführt und feiert mit ihr den bisher größten Erfolg seines langen Fußballerlebens. „Fürchten sollt ihr mich, nicht lieben“, hatte er ihnen zu Beginn gesagt. Das hat nicht jedem geschmeckt. Zarte Naturen wie Robert Musil sind daran gescheitert, der Rest hat sich zusammengerauft. Geschlossenheit, das ist die große Stärke dieses Teams. Herausragende Stars sucht man vergebens, die Mannschaft funktioniert als gut harmonierende Einheit. Dabei haben sie heute mit dem gelbgesperrten Brecht, dessen Courage schon so manches Spiel ganz allein entschieden hat, auf ein wichtiges Stück dieses erstklassigen Fußballmosaiks verzichten müssen.

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