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Literarisches Gedenken : Cimrman lebt

Büste Jára Cimrmans, leider ohne Gesichtszüge Bild: Stanislav Jelen/Wikipedia/CC BY-SA 3.0

Gedenktage, die sich auf künstlerische Werke beziehen, sind oft kurios. Den sonderbarsten Kult aber betreiben die Tschechen um ein erfundenes Universalgenie.

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          Opfer-, Trauer- oder Dankfeste sind im christlich geprägten Europa etwas aus der Mode gekommen. Andererseits wurden in jüngerer Zeit erfolgreich Erinnerungstage erfunden, wobei die kuriosesten oft jene sind, die sich auf künstlerische Werke beziehen. Großer Beliebtheit erfreut sich schon seit 2013 der Most Wuthering Heights Day, der um den 15. Juli herum begangen wird und nicht etwa den Roman Emily Brontës wachruft, sondern den gleichnamigen Song von Kate Bush aus dem Jahr 1978 – aber vor allem das Video, in dem die Sängerin einen sonderbaren Ausdruckstanz in wallendem roten Kleid vollführt. Man muss das einfach nachahmen.

          Wobei der Verkleidungsaspekt eine gewisse Ähnlichkeit zum irischen Bloomsday aufweist, der Feier von James Joyces, am 16. Juni spielenden Roman „Ulysses“ – inzwischen in Dublin ein Volksfest, das in der Pandemie aber etwas abspecken muss. Doch es gibt auch besonders Corona-taugliche Varianten. Beispielsweise den intellektuellen Kult, den die Tschechen um die Figur des Jára Cimrman (gesprochen: Zimmermann) betreiben, einen ganz außergewöhnlichen Unsterblichen, der noch in Österreich-Ungarn geboren wurde, aber immer noch neue Theaterstücke veröffentlicht. Auf der Straße würde man ihn nicht erkennen, denn er trägt gelegentlich Frauenkleider. Es gibt zwar eine Büste von ihm, sie hat aber kein Gesicht, was die Suche nach dem Universalgenie erschwert.

          Cimrman ist der Erfinder von allerlei genialem und nutzlosem Zeug wie dem Petroleumtoaster, dabei ist er derart bedeutend, dass sich Ausstellungen und fingierte wissenschaftliche Seminare seinem Werk widmen. Seine bekanntesten Sprüche („Die Zukunft gehört dem Aluminium“) sind fest im kollektiven Gedächtnis der Tschechen verankert. Hinter dieser absurden Mischung aus echtem Messianismus und „Warten auf Godot“ steckt seit den sechziger Jahren ein Autorenkollektiv, das die Legende, die in der kommunistischen Zeit Hochkonjunktur hatte, immer wieder auffrischt. In einer 2005 veröffentlichten Umfrage nach dem größten Tschechen kam Cimrman auf den ersten Platz. Was humortechnisch an Jaroslav Hašek erinnert, der als Redakteur der Zeitschrift „Welt der Tiere“ mutwillig Fauna erfand und, von aufmerksamen Lesern enttarnt, durch absurde Folgebehauptungen beharrlich die Richtigkeit seiner Darstellung verteidigte. Die Tschechen sind wahrscheinlich die Weltmeister der Fiktionalisierung. Auf jeden Fall sind sie zu beneiden: Ihr größtes unsterbliches Idol ist quicklebendig. Nichts scheint so präsent und kerngesund wie eine völlig unwahrscheinliche literarische Fiktion zu sein. Von Václav Havel ist die Bemerkung überliefert: „Jára Cimrman überlebt uns alle.“

          Most Wuthering Heights Day 2019 in Berlin
          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

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