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Literarische Zivilisation : Victor Hugo Boss

  • -Aktualisiert am

Schleichender Bildungsverlust? Der neue französische Handelsminister ist mit einem Versprecher in einen Fettnapf gesprungen: Auf die Frage nach seinem Lieblingsbuch nannte er eine Modemarke.

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          Auch Frankreichs Fünfte war noch lange eine literarische Republik. Schriftsteller wurden Botschafter und Minister. Nur wer schreiben kann, soll auch regieren dürfen. Während des Wahlkampfs ließ sich Sarkozy von der Schriftstellerin Yasmina Reza begleiten und beobachten. Aber zu seiner Frau im Elysée machte er eine Popsängerin. Seine Sticheleien gegen den Klassiker „La princesse de Clèves“ ließ eine zunehmende Geringschätzung der Literatur erkennen. Doch seine Minister schreiben weiter unentwegt Bücher. Und noch immer findet im Parlament der Tag des politischen Buchs statt.

          Der „Preis der Abgeordneten“ ging jetzt an den früheren Minister Jean-Pierre Jouyet. Er wurde dem ehemaligen Parteisprecher und neuen Handelsminister Frédéric Lefebvre vorgezogen. „Das Bessere ist der Freund des Guten“ lautet der Titel von Lefebvres Buch, fünfhundert Seiten. Weil er unter Zeitdruck stand, musste er ein bisschen abschreiben. Aber so richtig gezündet hat der Plagiatsvorwurf nicht. Deshalb dachte man unweigerlich an eine gezielte Provokation, als im Internet die Auszüge aus seinem gefilmten Interview mit dem „Figaro“ zirkulierten. Um einen Versprecher kann es sich nicht handeln. Lefebvre wird nach dem Werk gefragt, das ihn am meisten beeindruckt habe. Treuherzig blickt er in die Kamera: „Zadig et Voltaire“ - eine noble Kleidermarke.

          Es gibt keine mildernden Umstände für den Minister

          Dass er nicht „de Voltaire“ sagen wollte, also Voltaires „Zadig“ gemeint haben könnte, machen seine unbedarften Erklärungen deutlich. Hätte er nur seinen Fauxpas zum waghalsigen Akt der Solidarität stilisiert: Voltaires kleiner satirischer Roman über den religiösen Fanatismus als Begleitschrift zu Sarkozys Feldzug gegen den Islam! Es gibt nicht den leisesten Hinweis, dass er ihn je gelesen hat. Der Minister hat keine mildernden Umstände und kein Mitleid verdient.

          Im Internet zirkulieren Dutzende von verballhornten Titeln literarischer Meisterwerke, die mit Markennamen verknüpft werden. Die Wortspiele sind witzig und bescheinigen den Surfern eine große Belesenheit. Die literarische Zivilisation lebt - wenn auch nicht unbedingt da, wo man sie gemeinhin vermutet. Hellhörig sind ob des lauten Echos im Netz die Konkurrenten von „Zadig et Voltaire“ geworden. Ein Label Flaubert mit der Trendlinie Madame Bovary ist geplant. Und eine bekannte Marke aus Deutschland soll künftig mit literarischem Elan für Frankreichs kultivierte Käuferschicht neu lanciert werden: Victor Hugo Boss.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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