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Literarische Übersetzung : Twain, bereinigt?

Eine neue Übersetzung passt Mark Twains Abenteuerromane heutigem politischen Korrektheitsempfinden an und streicht alle rassismusverdächtigen Wendungen. Wer diesen Weg weiter gehen will, auf den wartet in der Weltliteratur viel Arbeit.

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          Wer es mit Brechts „Herr Keuner“ hält, wird dem amerikanischen Herausgeber Alan Gribben von Herzen zustimmen: Herrn Keuners Liebe hat bekanntlich zur Folge, dass er die Geliebte dem Bild ähnlich macht, das er von ihr entworfen hatte. Und Gribben, der jetzt für New South Books in Alabama Mark Twains „Tom Sawyer“ und „Huckleberry Finn“ umgeschrieben hat, wird dies in der festen Überzeugung getan haben, den hochgeschätzten Autor mit seinen Eingriffen zu verbessern. Denn Twain verwendet in seinen Romanen, die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts in einer Sklavenhaltergesellschaft spielen, das Wort „Nigger“. Ganz schlecht, meint Gribben, der stattdessen in seiner Edition 219 Mal das Wort „Sklave“ verwendet und den Schurken „Injun Joe“ gleich mit umtauft, um auch einer zweiten Ethnie sprachlich nicht auf die Füße zu treten: Tom Sawyers Widersacher heißt jetzt „Indian Joe“.

          Gribbens Begründung, Twains laxer Gebrauch der inkriminierten Wörter sei heutigen Lesern nicht mehr zuzumuten, wird man kaum mit der philologischen Spitzfindigkeit vom Tisch wischen, der dezidierte Antirassist Twain habe im Zeitalter des literarischen Realismus nun mal die Sprache seiner Protagonisten verwendet – aber man wird bedauern, dass Gribben beim Umschreiben auf halbem Wege stehen geblieben ist. Nehmen wir nur jenen „Indianerjoe“ – ist es gerecht, dass der in Twains Roman am Ende in der Tropfsteinhöhle elendig umkommt? Ist das heute noch zumutbar?

          Viel Arbeit war tet auf den Verbesserungswilligen

          Würde man Gribbens Edition nicht beruhigter wieder aus der Hand legen, wenn der nunmehr im letzten Moment gerettete Bösewicht, geläutert, Reuetränen auf den zerfurchten Wangen, dem Alkohol entsagte und sich zum nützlichen Glied der Gesellschaft mauserte? Oder, besser noch, durch eine solide Sonntagsschulbildung seinen Irrweg gar nicht erst eingeschlagen hätte? Ach, es gäbe so viel zu tun für die Gribbens dieser Welt, um die arglosen Leser mit einigen sanften Strichen von so verstörenden Dingen wie Teufelspakt (Faust) und Teenagerschwangerschaften (Gretchen) zu erlösen.

          Gribben könnte die Sklaverei abschaffen, den Hunger, Krankheiten, Kriege, Arbeitslosigkeit, Liebeskummer, Zugverspätungen, den Winter, angebranntes Essen ... Verglichen damit, muss man die Lösung, die der Oetinger-Verlag für seine aktuelle „Pippi Langstrumpf“-Ausgabe gefunden hat, geradezu kleinlich nennen: Dort verweist beim Wort „Neger“ ein Sternchen auf die Fußnote: „In diesem und folgenden Kapiteln wird der Ausdruck ,Neger‘ verwendet. Als Astrid Lindgren ,Pippi Langstrumpf‘ geschrieben hat, war das noch üblich. Heute würde man ,Schwarze‘ sagen.“ Warten wir Gribbens Fassung ab.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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