https://www.faz.net/-gqz-8kur0

Gedenken in Litauen : Die eigenen Leute

Litauen stellt sich seiner Vergangenheit: Im Mai wurde bei Vilnius der Holocaustopfer gedacht. Etwa 70.000 Juden kamen beim Massaker von Paneriai ums Leben. Bild: dpa

Litauen gedenkt eines Massakers an Juden, und sogar die Präsidentin will dabei sein. Das ist für das Land, das lange über die Pogrome schweigen wollte, ein großer Schritt.

          3 Min.

          Vierzig Jahre hat der litauische Schriftsteller Marius Ivaškevičius nach eigenen Worten „in völliger Unwissenheit gelebt, gleich neben einem gewaltigen Unglück, doch ohne es auch nur zu ahnen“. Ivaškevičius wurde 1973 in Moletai geboren, einer, so scheint es, idyllischen Kleinstadt eine Autostunde nördlich der Hauptstadt Vilnius. Ein Datschenparadies mit Badeseen. Doch dann muss etwas in ihn gefahren sein, eine Wespe ihn gestochen haben. So sehen es jedenfalls manche seiner Landsleute.

          Gerhard Gnauck
          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Vorige Woche sah Ivaškevičius den Zeitpunkt gekommen, sich zu erklären: „Ich bin nicht Jude“, unter diesem Titel veröffentlichte er einen Text im großen baltischen Internetportal delfi.lt. Nicht eine Wespe, sondern eine Zecke habe ihn gebissen: auf dem Jüdischen Friedhof in Warschau, schreibt der Autor ironisch. Seit seinem Besuch dort sei er „infiziert“. Er befasst sich seitdem mit der Geschichte seines Heimatorts Moletai, wo am 29. August 1941, vor fünfundsiebzig Jahren, zwei Drittel der Einwohner erschossen wurden. Die Waffen lagen in den Händen von Litauern.

          Dutzende Nachfahren haben sich angekündigt

          In einer Zeit, da das wohlfeile „Je suis Charlie“, „Je suis Paris“ allenthalben ertönt, klingen diese rauhen Sätze der Solidarität mit ganz eigener Kraft: „Ich bin nicht Jude, ich bin Litauer, und ich weiß, dass wir es können: unsere Stärke und Verbundenheit zeigen. Uns zu unseren Fehlern und sogar Verbrechen bekennen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke.“ So wird Ivaškevičius an diesem Montagnachmittag dabei sein, wenn sich in Moletai, nach kurzen Reden, ein Gedenkmarsch in Bewegung setzt von der einstigen Synagoge zum Stadtrand, wo damals die Opfer verscharrt wurden. Dutzende Nachfahren von Juden aus Moletai haben sich aus aller Welt angekündigt. Auch Litauens Präsidentin Dalia Grybauskaite will kommen.

          Dieses Ereignis ist für Litauen ein Meilenstein. Zumal es zusammenfällt mit der Debatte um ein Buch der Journalistin Ruta Vanagaite: „Die Unsrigen“. Es handelt von den „ganz gewöhnlichen Leuten, Zehntausenden von Litauern“, so die Autorin, die sich daran beteiligten, unter deutscher Besatzung Juden zu töten. Die Autorin stieß auch auf einen Beteiligten in der eigenen Familie: „Mein Großvater wurde beschuldigt, eine Liste von Juden zusammengestellt zu haben, als die Nazis kamen.“

          Viele haben mehr getan, als Namen aufzulisten. Der „Holocaust Atlas of Lithuania“, der unter tatkräftiger Mitwirkung des österreichischen Vereins „Gedenkdienst“ erarbeitet und ins Internet gestellt wurde, beschreibt, wie ein deutscher Offizier litauische Polizisten und antisowjetische Rebellen in Moletai zusammenrief und ihnen mitteilte, „sie würden heute Juden erschießen“. Darauf gingen die etwa zwanzig Männer zur Synagoge, ließen erst die jüdischen Männer an den Stadtrand marschieren, sich am Rande ausgehobener Gruben entkleiden; dann gab der Offizier den Schießbefehl. Später folgten Frauen und Kinder.

          Zwei kleine Minderheiten, im Zarenreich unterdrückt

          „Mein Buch heißt ‚Die Unsrigen‘, weil beides ‚unsere Leute‘ waren: die, die gemordet haben, und die, die ermordet wurden“, sagt Vanagaite. „Sie alle waren litauische Bürger.“ Die Mehrheit der Litauer akzeptiere weder, dass Litauer (und nicht irgendwelche „Banditen“) Täter waren, noch, dass die Juden ebenfalls zu diesem „Wir“ gehörten. Vanagaites Buch wurde ein Bestseller. Zahlreiche Medienanfragen erhielt die Autorin auch aus Russland, wo es politisch heute sehr opportun ist, den Antisemitismus bei den Nachbarvölkern „aufzuarbeiten“. Die Autorin verweigerte sich den russischen Kollegen: „Dieses Buch ist eine innere Angelegenheit der Litauer“, erwiderte sie, es diene dem Zweck, vor der eigenen Tür zu kehren.

          Schon vor vierzig Jahren hatte Tomas Venclova, der litauisch-amerikanische Dichter, in einem Essay gefordert, die Beteiligung von Litauern an der Ermordung der Juden aufzuarbeiten. Wer ihn heute liest, versteht besser, woher die Fremdheit zwischen Litauern und Juden rührte: „Religion, Sprache, Schrift und Sitten“ hätten eine „allzu hermetische Grenze geschaffen“, schreibt Venclova. Warum sollten diese zwei kleinen Minderheiten im Zarenreich des neunzehnten Jahrhunderts, jede auf ihre Weise unterdrückt, sich dann als Verwandte betrachten?

          Immerhin: Seit sechshundert Jahren lebten Juden im Großfürstentum Litauen, zeitweise auf mustergültige Weise geschützt. So gab es ein explizites Verbot, Juden des Ritualmordes zu bezichtigen. In den letzten Jahrzehnten des Zarenreiches kam es mancherorts zu Pogromen, hier jedoch nicht. Das Unglück begann mit dem Hitler-Stalin-Pakt, mit der sowjetischen Besetzung Litauens, die manche Juden begrüßten, worauf sich unter deutscher Herrschaft, so Venclova, „Hass und Rachsucht“ mit nie dagewesener Heftigkeit entfalteten. Das unterscheide die offene Gesellschaft von ihren Feinden: Tatsachen könne man nur zur Kenntnis nehmen und bedauern, wie es auch die Westdeutschen nach 1945 getan hätten. Bittere Wahrheiten als „ungelegen“ zu beschweigen oder zu leugnen sei letztlich ein Kennzeichen totalitärer Regime.

          Weitere Themen

          Kunst am Fuße der Pyramiden Video-Seite öffnen

          Ägypten : Kunst am Fuße der Pyramiden

          Das ägyptische Unternehmen „Art D’Egypte“ eröffnet seine Ausstellung mit dem Titel „Forever Is Now“. Es ist die erste internationale Kunstausstellung, die an den Pyramiden von Gizeh und auf dem umliegenden Gizeh-Plateau stattfindet.

          Topmeldungen

          Pragmaten im Aufzug: Kanzlerkandidat Olaf Scholz (links) und Fraktionschef Rolf Mützenich (beide SPD) am 28. September im Bundestag

          SPD-Papier : Im Trippelschritt zur bewaffneten Drohne

          Die Sozialdemokraten überlegen, ihre jahrelange Blockade gegen das unbemannte Waffensystem aufzugeben. Im Machtpoker der Ampel-Parteien könnte ihr das bald nützlich werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.