https://www.faz.net/-gqz-154pn

„lit.Cologne“ : Jetzt fasst die Literatur dich an

  • -Aktualisiert am

Der amerikanische Schriftsteller T.C. Boyle bei der Abschlussveranstaltung des Literaturfestivals „Lit.Cologne” Bild: ddp

Am Samstag ist die neunte „lit.Cologne“ zu Ende gegangen. Das Programm war anspruchsvoller und politischer als je zuvor. Wundersamerweise aber blieb der Zulauf ungebrochen. Das Festival ist endlich angekommen - bei sich, dem Publikum und den Büchern.

          4 Min.

          Berührend ist gar kein Ausdruck. So überfüllt ist es, dass körperlicher Kontakt unvermeidlich wird. Geschweige denn, dass ihn jemand vermeiden will. Wieder und wieder fällt man sich in die Arme in dieser Nacht in der Hauptstadt der haptischen Vernunft, wo es keinen Unterschied zwischen Begreifen und Anfassen gibt. Furios geht mit dieser irgendwie über dem nächtlichen Rhein schwebenden, von DJ Hans Nieswandt akustisch entgrenzten Party im Kölner Schokoladenmuseum die neunte „lit.Cologne“ zu Ende, das orgiastischste Literaturfestival der Welt.

          Unmittelbar vorausgegangen waren die mitreißenden Auftritte von Tilman Rammstedt, Robert Wilson, Maria Schrader, Rosemarie Fendel, Shalom Auslander und ganz besonders T. C. Boyle, um den man hier neun Jahre gerungen hat und der mit seinem frech einfühlsamen Buch über die Frauen Frank Lloyd Wrights nun gleich zweimal hintereinander vor vollem Haus im Tanzbrunnen auftrat. Nun drängen sie sich alle in diesem Raum, Boyle, Rammstedt, Matthias Brandt, Denis Scheck, auch Wright und seine Frauen, Wilsons Inspektor Falcón, Auslanders geschockter Gott. Selig schwebt da Rainer Osnowski vorüber, einer der wunderbar unprätentiösen Festivalchefs. Wie großartig ist allein die Idee, diese Party offen für alle zu halten und den Bierpreis auf einen Euro zu senken.

          „Da simma dabei!“

          Die Bilanz des zehntägigen Spektakels ist imposant: fünfundsechzigtausend Gäste, von denen bei weitem nicht alle zum klassischen Lesepublikum zählen, Hunderte freudestrahlender Autoren, Tausende verkaufter Bücher. Das Programm war anspruchsvoller und politischer als je zuvor. Wundersamerweise aber blieb der Zulauf ungebrochen, auch wenn es um schwere Kost wie Gedichte aus Theresienstadt oder Literatur über Illegale ging, auch wenn Jochen Hörisch im Gespräch mit Daniel Kehlmann oder Juli Zeh einen Teufel tat, von seinem Theoriegerüst herunterzuklettern. Nur halb gefüllt war der Saal dagegen beim Geplänkel über Fremdgehen ohne Scham mit Chefaufklärer Oswalt Kolle. Aber auch Nicholson Baker füllte mit „Menschenrauch“ die Oper leider nur zum Teil. Es laufe dennoch auf eine Auslastung von mindestens fünfundneunzig Prozent hinaus, meint Organisator Werner Köhler. Man könne alle sechzig Mitarbeiter ordentlich bezahlen, und es bleibe noch ein Plus. Kurz, es greift inzwischen die ultimative Kölner Verhaltensweise: „Da simma dabei!“

          Wieder spielt die Haptik eine wichtige Rolle. Jede Lesung endet mit einer Signierstunde. Deren kulturhistorische Präfiguration wird vor allem in der Kulturkirche deutlich, wo David Lodge seine amüsante Lesung treffend eine „Messe“ nennt. Die Gemeinde empfängt im Anschluss die grafische Kommunion. Plötzlich erkennt man nun auch, woran das E-Book scheitern wird: Es kann nicht kommuniziert werden.

          Nicht ganz verstanden hatte Josef Winkler die Idee mit den Patenschaften. Er las lieber selbst deutlich mehr als der von ihm vorzustellende Michael Stavari. Im Alten Pfandhaus kam es unterdes zu einem vergnüglichen Gespräch über unsere Vorzeit zwischen der Urgeschichtlerin Miriam Haidle und der Autorin Sibylle Knauss, die ein eindrucksvolles Buch über die Paläoanthropologin Mary Leakey verfasst hat. Das Fremdgehen sei gängig gewesen unter den Urmenschen, wurde aber kaum so wahrgenommen. Das wirft natürlich die Frage auf, ob uns Kolle zur Urhorde zurückführt. Und ob das vielleicht gut so ist.

          Nicht das was man absagt

          Weitere Themen

          „Man muss Triviales lesen“

          Karl Lagerfeld über Literatur : „Man muss Triviales lesen“

          Karl Lagerfeld war nicht nur ein Modekaiser, sondern auch vielseitig belesen. Das bewies er in einem legendären Gespräch aus dem Jahr 2012 mit Roger Willemsen auf der lit.Cologne. Wir haben die Bänder abgehört – und einige Weisheiten aufgelesen.

          Topmeldungen

          Die Polizei war mit einem Großaufgebot vor Ort (Symbolbild).

          Hanau : Mehrere Tote durch Schießerei

          In Hanau sind durch Schüsse mehrere Menschen getötet worden. Das sagte ein Sprecher der Polizei Hanau am Mittwochabend. Der Täter soll flüchtig sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.