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Lisa Fitz im SWR : Meinung, Fakten und Lemminge

  • -Aktualisiert am

Fake News über Impftote in der SWR-Sendung „Spätschicht“: Lisa Fitz Bild: dpa

Wieso muss ein öffentlich-rechtlicher Sender eigentlich denen, die nur über die Wissenschaft lamentieren, statt sich mal ein paar produktive Gedanken zu machen, etwas beweisen?

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          Schlimm genug, dass Leute sich weigern, zwischen Meinung und Fakten zu unterscheiden, so als hätten sie in ihrem Alltag nie damit zu tun, ihre persönliche Empfindung mit den Tatsachen des Lebens abzugleichen. Wenn das aber einem Medienhaus passiert, ist es sehr ärgerlich. Die Kabarettistin Lisa Fitz war am 10. Dezember in der SWR-Comedy-Sendung „Spätschicht“ aufgetreten. Der Beitrag wurde von Florian Schroeder, dem Gastgeber, mit den Worten angekündigt, den Öffentlich-Rechtlichen würde ja immer vorgeworfen, keine Vielfalt zuzulassen. Jetzt aber folge eine Meinung, die er, Schroeder, absolut nicht teile und die trotzdem stattfinden dürfe.

          Die siebzig Jahre alte Lisa Fitz schimpfte daraufhin nicht unerwartet über die politischen Fehler bei der Impfstoffverteilung. Sie sprach von dem einen Prozent „Panikmacher“, das „99 Prozent Lemminge“ steuere, und von der Impflicht, dem „feuchten Traum der Pharma“. Wenn 60 Prozent geimpft seien, sollte doch eigentlich das alte Leben zurückkommen. „Ja, wo ist es denn, das alte Leben?“, rief sie. So weit zur persönlichen Meinung. Dann sprach sie von einem angeblich geplanten EU-Hilfsfonds zur Entschädigung der Opfer von Corona-Impfstoffen. Allein, für 5000 Menschen komme der zu spät. Die seien an der Impfung oder ihren Folgen bereits gestorben. Die Zahl hatte Fitz aus einem im Herbst von einer Politikerin des rechtspopulistischen Rassemblement National ins EU-Parlament eingebrachten Antrag, der sich auf Verdachtsfälle beruft. Ein Todesfall nach einer Impfung ist nicht automatisch ein Todesfall durch die Impfung, und in das Meldesystem können Privatleute ohne medizinische Vorkenntnisse Verdachtsfälle eintragen. Sie sind nicht bestätigt.

          Der Auftritt sorgte erst einmal für wenig Aufruhr. Vor der geplanten Wiederholung am Wochenende auf 3sat berichtete allerdings die „taz“. Die Sendung wurde nicht wiederholt. Am Samstag teilte der SWR zunächst mit, in der Abwägung zwischen einem erwartbaren Vorwurf der Zensur und der Meinungsfreiheit sei entschieden worden, den Beitrag zu senden, „um die Pluralität der vorkommenden Meinungen in der ‚Spätschicht‘ zu beweisen.“ In einer Erklärung am Sonntag hieß es dann, die Kritik sei berechtigt, die erste Reaktion falsch, weil es nicht um eine Meinungsäußerung gegangen sei.

          Wieso muss ein öffentlich-rechtlicher Sender eigentlich denen, die nur über die Wissenschaft lamentieren, statt sich selbst Gedanken zu machen, etwas beweisen? Es gibt genug Orte im Netz, an denen man sich die dankbare Weiterverwendung des Beitrags jetzt ansehen kann. In diesen Wochen zeternd Gerüchte über die Pandemie zu verbreiten lässt sich schwer als Satire verkaufen. Und wenn am Ende keiner mehr Meinungen von Tatsachenverdrehungen wie diesen unterscheiden könnte, wäre Satire auch gar nicht mehr lustig.

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

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