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Linker Terror und Antisemitismus : Ich habe nichts getan und nichts gewusst

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Löscharbeiten am Israelitischen Gemeindezentrum in München, 13. Februar 1970. Unter den Opfern waren auch Überlebende des Holocaust. Bild: picture-alliance/ dpa

Wolfgang Kraushaar hat mich in seinem Buch, das in dieser Zeitung vorgestellt wurde, der Mittäterschaft an einem Brandanschlag im Februar 1970 verdächtigt. Mein Einspruch gegen diese Darstellung.

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          In seinem am 22. Februar veröffentlichten Buch „,Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?’: München 1970: über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus“ macht Wolfgang Kraushaar den Versuch, den offensichtlich gezielten Brandanschlag vom 13. Februar 1970 auf das Haus der Israelitischen Kultusgemeinde in München, Reichenbachstraße 27, aufzuklären (F.A.Z. vom 22. Februar). Diesem Haus war ein jüdisches Altersheim angegliedert. Siegfried Offenbacher, Rosa Drucker, Regina Becher, David Jakubowicz, Leopold Gimpel und Georg Pfau verbrannten. Max Blum sprang, von den Flammen verfolgt, aus dem Fenster in den Tod.

          Der Autor beschuldigt mich in seinem Buch, ohne mich beim Namen zu nennen, der Mittäterschaft und, wobei er mich beim Namen nennt, der Mitwisserschaft. Dazu erkläre ich: Ich war an diesem Verbrechen nicht beteiligt. Weder habe ich durch Schweigen irgendeinen mir bekannten Täter gedeckt, noch habe ich diese Morde mitgeplant, noch habe ich sie mit begangen. Wolfgang Kraushaar beschuldigt mich der Mittäterschaft, ohne mich beim Namen zu nennen. Er bezieht sich auf die im Sande verlaufene Spur II/33 der zur Aufklärung des Verbrechens eingesetzten Sonderkommission.

          „Freunde aus der ’Aktion Südfront’“

          Ein anonymer Anrufer hatte die Behörde - Kraushaar gibt kein Datum an - auf einen Achtzehnjährigen aufmerksam gemacht. Diesem habe der am Tatort aufgefundene Aral-Kanister gehört. Der Achtzehnjährige gehöre der „Aktion Südfront“ an und arbeite mit zwei anderen Mitgliedern der „Südfront“ in einem Chemieunternehmen im Münchener Umland als Hilfsarbeiter. „Alle drei hätten die Möglichkeit, sich im Lager Chemikalien zu besorgen und aus dem Betrieb zu schaffen.“ So Kraushaar auf Seite 125, und auf Seite 129f, wieder im Hinblick auf den Achtzehnjährigen: „Besondere Aufmerksamkeit widmen die Ermittler auch einem seiner beiden Freunde aus der ,Aktion Südfront’. Zu ihm heißt es, dass aus seiner Berliner Zeit noch ein Verfahren wegen Vorbereitung von Sprengstoffverbrechen und Aufforderung zur Brandstiftung anhängig sei.“

          Mit diesem „Sprengstoffverbrechen“ kann nur das sogenannte „Puddingattentat“ vom 5. April 1967 gemeint sein, an dem ich aktenkundig beteiligt war. Tatsächlich arbeitete ich 1970 in einer Chemiefirma, allerdings erst nach dem 13. Februar, nämlich ab dem 2. März 1970, wie ich meiner Lohnsteuerkarte entnehme.

          Vermutungen und Aufklärung

          Der Mitwisserschaft beschuldigt Kraushaar mich namentlich. Er tut dies in seinem Buch auf den Seiten 687f. Er beruft sich auf eine Vermutung des ehemaligen RAF-Mitglieds Gerhard Müller vom 13. April 1976: „Auch wenn er nicht in der Lage war, die Person des Attentäters zu nennen, so ist sein Hinweis darauf, dass es jemand aus dem ,näheren Bekanntenkreis’ um das frühere RAF-Mitglied Irmgard Möller getan haben müsse, von Gewicht. Möller war zum Zeitpunkt des Anschlags die Lebensgefährtin von Fritz Teufel, dem damals führenden Kopf der Tupamaros München. Wenn einer aus ihren Reihen etwas gewusst haben sollte, wer es war, dann wusste es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch Teufel. Und es spricht wenig dagegen, dass über die beiden hinaus auch Brigitte Mohnhaupt und Rolf Heißler sowie die beiden ,Südfrontler’ Alois Aschenbrenner und Ulrich Enzensberger eingeweiht gewesen sind. Die Münchner Tupamaros bestanden ja im Grunde genommen aus nicht mehr als Bewohnern zweier Kommunen (sic), von denen sich zumindest Fritz Teufel zum Zeitpunkt der Anschlagswelle im Untergrund aufgehalten hat. Innerhalb eines solch kleinen Kreises etwas so Gravierendes wie den Mordanschlag auf das Gebäude der Israelitischen Kultusgemeinde geheim gehalten zu haben, muss als ziemlich unwahrscheinlich gelten.“

          Es ist ein Verdienst von Wolfgang Kraushaar, nach so langen Jahren eine Aufklärung dieses Verbrechens zu versuchen, er setzt sich jedoch bei diesem Versuch in seinem Buch über moralische, rechtliche und wissenschaftliche Grundsätze hinweg. Die öffentliche Ausstreuung vager Verdächtigungen darf eine präzise Beweisführung nicht ersetzen und wird dem Anspruch auf Aufklärung dieses heimtückischen Brandanschlags nicht gerecht. Die zitierten Stellen erfüllen den Tatbestand der üblen Nachrede. Ich hoffe, dass diese Erklärung auch dazu dient, die verborgenen Täter hinter dem Anschlag namhaft zu machen.

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