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Lily Bretts Fluchtgeschichte : Die Politik des Hasses

  • -Aktualisiert am

Lily Brett und ihr Vater in New York. Bild: Jacquelin Mittelman

Als ich in Australien ankam, war ich ein Flüchtlingskind. In welchem Land würde ich leben? Und was würde vom Deutschsein bleiben? Geschichte einer Migration.

          9 Min.

          Deutschland, das Land, in dem ich geboren bin, habe ich im Alter von knapp zwei Jahren verlassen. Als ich in Australien ankam, ein Flüchtlingskind, war ich viel zu jung, um zu begreifen, in welchem Land ich nun leben würde und welches Land ich verlassen hatte. Und dennoch wuchs ich in dem Gefühl auf, dass es eine andere Welt geben müsse, eine Welt, mit der ich untrennbar verbunden war, eine Welt, zu der ich gehörte. Verbunden durch Liebe, durch Herkunft, durch die Geschichte? Ich wusste es nicht.

          In Australien lebten wir friedlich in einem Land, das mein Vater Max als Paradies bezeichnete. In diesem Paradies arbeitete mein Vater in doppelten Schichten an einer Nähmaschine in einer Fabrik, und meine schöne Mutter Rose, die davon geträumt hatte, Kinderärztin zu werden, arbeitete in einer anderen Fabrik an einer anderen Nähmaschine. Wir wohnten in einem einzigen Zimmer in einem Vorort von Melbourne. Mit vier oder fünf anderen jüdischen Flüchtlingsfamilien teilten wir Küche und Bad.

          Der tiefgreifendste Aspekt meines Lebens ist der, dass ich als Kind von zwei Menschen geboren wurde, die beide Jahre der Einkerkerung in Gettos, Arbeitslagern und Todeslagern überlebt hatten. Meine Eltern gehörten zu einer seltenen statistischen Einheit – Juden, die vor dem Krieg geheiratet und die beide die Todeslager überlebt hatten. Meine Mutter hatte meinen Vater geheiratet, weil ihre Mutter dachte, in der wohlhabenden Familie meines Vaters könne sie besser aufgehoben sein, wenn die Nazis in Polen einfielen. Mein Vater hatte meine Mutter geheiratet, weil er bis über beide Ohren in sie verliebt war. Meine Mutter war siebzehn Jahre alt, als sie in das Getto von Łódź eingesperrt wurde. Der Reichtum der Familie meines Vaters löste sich schnell in Luft auf.

          Ich konnte die Toten hören

          Als ich aufwuchs, dräute die Vergangenheit meiner Eltern wie eine Wolke über mir. Da gab es die Welt, in der meine Mutter und mein Vater Eltern, Brüder, Schwestern, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen, Neffen und Nichten gehabt hatten. Und es gab die andere Welt. Die Welt der Toten meiner Eltern. In ihr befand sich fast jeder, den sie geliebt hatten. Alle ermordet. Ich konnte die Toten hören. Nachts schnieften sie und seufzten und bewegten sich hin und her, als hätten sie körperliche Beschwerden. Beschwerden, die wir nicht lindern oder mildern konnten. Ich wusste, dass jede andere Familie in unserem Haus ihre eigene lautstarke und ungebärdige Sippschaft von Toten hatte.

          In Australien, einem Land blauen Himmels und Sonnenscheins und gebackenen Fischs mit Pommes frites bildeten wir kleine europäische Enklaven. Wir hielten uns aneinander und an das, was an Fragmenten von unserem früheren normalen Leben übrig war. Wir sprachen Polnisch, Deutsch, Russisch, Ungarisch, Tschechisch, Slowakisch und Jiddisch. Aber nicht Englisch. Wir aßen koschere Hartwurst und fette dünne Frankfurter. Wir kauften Roggenbrot und aßen es mit eingelegtem Hering, geräuchertem Fisch und gehackter Leber. Ich sehnte mich danach, das aufgeschnittene Weißbrot zu essen, das die Australier um mich herum aßen. Vor allem, nachdem ich gesehen hatte, wie die Mutter einer Schulfreundin Brotscheiben über dem offenen Feuer im Kamin röstete. Und es gelüstete mich nach Baked Beans und nach Erdnussbutter und Apple Pie. Aber so etwas bekam ich erst zu essen, als ich viel älter war.

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