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Lilian Thuram im Gespräch : Lassen wir den Fußball doch mal beiseite

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„In der Welt des Fußballs gibt es wie überall auch Vorurteile“, sagt Lilian Thuram und kämpft dagegen an Bild: picture alliance / dpa

Der Fußball ist nicht kommerzieller, nicht gewalttätiger und nicht rassistischer als die Gesellschaft, in der er stattfindet. Und doch sind Fußballteams kein Spiegel der Gesellschaft.

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          Lilian Thuram, während viele große Fußballspieler nach ihrem Ausscheiden weiter um den Fußball kreisen, gehen Sie einen anderen Weg. Sie haben ein Buch herausgebracht - „Manifeste pour l’égalité“ - und eine Ausstellung organisiert, die gegenwärtig im Musée du Quai Branly in Paris zu sehen ist. Worum geht es da?

          Die Ausstellung zeigt, wie der Westen den Wilden erfunden hat, und sie zeigt dies am Beispiel des Schicksals einzelner Menschen, die aus Afrika, Asien, Ozeanien oder Amerika kamen und im Westen auf Jahrmärkten, in Zoos und auf Welt- oder Kolonialausstellungen präsentiert wurden. Dieser Prozess begann im 16. Jahrhundert an den Königshöfen und setzte sich in Europa, Amerika und Japan verstärkt bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts fort. Ich habe mehr als zwei Jahre gebraucht, um alle Ausstellungsstücke zusammenzutragen. Was mein Buch angeht, so soll es die Vorstellung zerschlagen, dass es Kulturen geben kann, die anderen überlegen wären. Darin kommen Wissenschaftler, Intellektuelle und Freunde wie Arsène Wenger, der Trainer von Arsenal, zu Wort.

          Sie haben eine Stiftung „Erziehung gegen Rassismus“ ins Leben gerufen.

          Ja, 2009, ein Jahr nachdem ich die Fußballschuhe an den Nagel gehängt hatte. Der Rassismus ist ein intellektuelles Konstrukt, das von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Unsere Gesellschaft ist immer noch durchsetzt von rassistischen Vorurteilen. Warum wurde die schwarze Hautfarbe mit dem Schlechten assoziiert, die weiße dagegen zum Synonym für vorbildliches Verhalten erhoben? Meine Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, den rassistischen Diskurs zu bekämpfen und all jene mit Munition zu versorgen, die dagegen vorgehen. Außerdem geht es darum, Viktimisierung und Schuld zu überwinden und unsere Gesellschaft gerechter zu machen.

          Sind Sie der neue Martin Luther King, der zu Ihren Idolen gehört?

          Wir sollten nicht übertreiben. Aber ich freue mich, sehr beschäftigt zu sein. Fast fünfzigmal im Jahr besuche ich Schulen, Gymnasien, Gefängnisse, nehme an Kolloquien teil, überall in Frankreich.

          Und was erzählen Sie den Schülern?

          Man muss die Kinder aufwecken und mit ihnen spielen, wenn man ihnen seine Botschaft vermitteln will. Ich arbeite sehr gern mit kleinen Kindern, weil sie offener sind als die Erwachsenen. Ich frage sie zum Beispiel, wie viele Rassen sie kennen. Meistens antworten sie: „die weiße, die schwarze, die gelbe und die rote“. Dann versuche ich ihnen zu erklären, dass es nur eine einzige gibt, dass wir alle zum Homo sapiens gehören. Oder ich frage sie, worin die Schwarzen stark sind. Sie antworten mir: im Tanzen, in der Musik und im Sport - kurz, sie antworten mit Klischees. Ich versuche, diese Klischees aufzulösen, indem ich ihnen erkläre, woher sie kommen. Ich spreche viel über kulturelle Konditionierung, ich illustriere diese an Beispielen und finde Bilder dafür. Die Erziehung ist von überragender Bedeutung, ebenso der Geschichtsunterricht. Der Rassismus, der unsere Gesellschaften durchdringt, hat eine Geschichte. Wenn wir ihn abbauen wollen, müssen wir diese Geschichte deutlich machen.

          Der ehemalige französische Nationalspieler ist viel unterwegs: „Fast fünfzigmal im Jahr besuche ich Schulen, Gymnasien, Gefängnisse“
          Der ehemalige französische Nationalspieler ist viel unterwegs: „Fast fünfzigmal im Jahr besuche ich Schulen, Gymnasien, Gefängnisse“ : Bild: REUTERS

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