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Liebschaften : Frankfurts Museum für Moderne Kunst erfindet sich neu

  • -Aktualisiert am

Mit verjüngtem Programm beweist das MMK in Frankfurt, dass die Kunst Fragen der Zeit sinnlich zuspitzen und für jeden erlebbar machen kann.

          Udo Kittelmann ist ein Bravourstück geglückt. Eine Woche nach der Eröffnung „seines“ Hauses zeigt sich der neue Direktor des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt entspannt und erleichtert. „Der Druck war enorm hoch“ meint der 43-Jährige, der zuletzt Kunstvereinsleiter in Köln und Kommissar des deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig war.

          Sein Vorgänger Jean-Christophe Ammann hatte dem MMK internationales Renommee verschafft. Jetzt ist es auch noch auf den jüngsten Stand dessen gebracht worden, was Museum heute sein kann: Nicht nur eine Sammlung herausragender „Briefmarken“ und bedeutender Künstlernamen, sondern ein ineinander greifendes Beziehungsgeflecht von Fragestellungen, die im Chor oder einzeln immer wieder neu gestellt werden.

          Was ist Zeit?

          Da geht es zum Beispiel um Zeit und Erinnerung. Der in New York lebende Japaner On Kawara malt seit den 60er Jahren Datumsbilder. Auf farbigem Grund hält er Monat, Tag und Jahr in Zahlen und Buchstaben fest. Farbe, Format und Datum wechseln, sonst bleibt alles gleich - die Zeit nimmt keine Rücksicht auf Stimmung und Emotion. In Frankfurt sind seit zehn Jahren etwa 20 dieser kleineren und größeren blauen, roten oder schwarzen Tafeln versammelt. Man kennt sie, nicht nur aus Frankfurt, und nimmt sie deshalb kaum noch wahr.

          Installation von Martin Boyce (1967) in der Eingangshalle des Frankfurter Museums für Moderne Kunst

          Nun hat Kittelmann Sesselobjekte des Wiener Künstlers Friedrich Kiesler (1890 - 1965) dazu frei im Raum verteilt. Die Besucher dürfen Platz nehmen. Nicht nur, dass die schmalen, organisch geformten Sessel überaus attraktive Objekte darstellen, sie sind auch sehr bequem. In entspannter Sitzhaltung wird der Besucher im wörtlichen Sinne „Besitzer“ der Kunst. Er ist aber auch Betrachter. Und was er sieht, sind die Datumsbilder von On Kawara. Mit Muße widmet er sich ihnen neu. Vielleicht so wie ein überarbeiteter Ehemann, der erst aus dem Liegestuhl heraus seine Liebe neu entdeckt.

          Unter welchen Zwängen leben wir?

          „Das Museum, die Sammlung, der Direktor und seine Liebschaften“ nennt Kittelmann seine Neupräsentation frei nach einem der lustvollsten Filme der Kinogeschichte, der 1989 Furore machte. Wie in „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ von Peter Greenaway geht es auch im Museum um Sex und Völlerei, um Gewalt und Folter. Kittelmann hat mit einer vorhandenen Sammlung gearbeitet: Werke von Bruce Naumann und Joseph Beuys, Claes Oldenburg, Larry Clark oder Andy Warhol, die teilweise sehr deutlich Sex und Gewalt, Folter und Völlerei thematisieren, bildeten die Basis.

          Hinzu kamen Arbeiten von jüngeren Künstlern wie Aernout Mik, Andreas Slominsky, David Reed, Marcel Odenbach oder Pierre Bismuth, die Kittelmann selbst auswählen und über einen Extrafonds finanzieren konnte. Mit ihren Installationen und bewegten Videobildern widmen sich diese jüngeren Werke ähnlichen Problemzonen, die auch mit Konsum, Erwartung, Selbstwahrnehmung gut umschrieben sind.

          Stichwort Folter: Da gibt es eine riesige Falle für Großwild und ein Video mit abgezockten Brokern im Papiergewühl. Stichwort Erwartung: In einem Raum werden die Wände unablässig Weiß und Schwarz gestrichen, als sei das Museum noch nicht fertig renoviert. In einem anderen Saal hängen Bilder dicht an dicht ohne Beschriftung, was den Betrachter durchaus verunsichert. Stichwort Wahrnehmung: In einem Raum sieht man Leuchtkästen mit werbewirksamen Fotografien. Zu sehen sind Nichtorte unter Brücken, neben Bahndämmen. Und eines der Bilder in diesem Raum ist eine fast unbewegliche Projektion, die ein amerikanisches Militärflugzeug beim Abschuss in Vietnam zeigt. Das Flugzeug steht im Absturz still, aber die Landschaft drumherum verändert ihr Licht innerhalb von acht Minuten im Zeitraffer eines Tages. Unsere Wahrnehmung kann dem zunächst kaum folgen, weil wir gewohnt sind, dass sich Objekte bewegen und nicht die Natur.

          Der Betrachter als Mitspieler

          Auch durch drei neu eingeführte „Satelliten-Räume“ wird das Publikum zum aktiven Mitspieler der Kunst: Ein „Kinderzimmer“ von Hans-Peter Feldmann lädt Kleine und Große in ein Reich bunt-bewegter Alltagsgegenstände ein, die wie in einer Wunderkammer pretiosengleich vorgestellt werden. Das „Kiesler-Archiv“ zeigt den Prototyp jenes organisch bewegten Sessels von 1923, der im On Kawara Salon in zeitgenössischen Kopien auftaucht, und stellt uns ein revolutionäres und fast vergessenes Ausstellungskonzept vor, das Friedrich Kiesler 1924 für Peggy Guggenheim entwarf.

          Und schließlich das „Dornbracht Installation Project“, das in den kommenden vier Jahren junge Positionen aus dem Bereich Installation vorstellt. Dabei finanziert die Designarmaturen-Firma Dornbracht diesmal den von Kittelmann vorgeschlagenen britischen Künstler Martin Boyce, der sich mit Designmöbeln der Nachkriegsmoderne beschäftigt und diese im zentralen Foyerbereich ausbreitet: Ein langer Vorhang, breite Sessel, Glastische und Aschenbecher verbreiten kühle Eleganz. Ein Mobile im Stil von Alexander Calder - zeitweise gehörte so ein Mobile zur obligatorischen Ausstattung moderner Museen - stammt aus Fragmenten eines Stuhles von Alvar Aalto. Und wir wissen nicht, ob hier Designträume hinter dem Horizont verflogen sind oder als neue Utopien heraufziehen.

          Statt Künstlerräume einzurichten, wie sie seit den 80er Jahren in deutschen Museen immer beliebter wurden, stehen nun Fragen im Raum des Frankfurter MMK. Durch Akzentverschiebung auf das Inhaltliche gelingt Kittelmann mit sicherer Hand ein bravouröser Neuanfang. Das Publikum wird nach einem Besuch nicht zufrieden sein, es will wiederkommen.

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