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: Lieber möchte ich jeden Tag in Mülltüten wandeln

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Langsam geht dem Wellensittich die Luft aus. Rücklings liegt er auf dem Dach der gefliesten Hütte, ein Zivilisationsziervogel, aufblasbar, ungefähr von der Größe eines Kalbs. Es ist dies, totes Tier neben rotem Baum, so etwas wie ...

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          Langsam geht dem Wellensittich die Luft aus. Rücklings liegt er auf dem Dach der gefliesten Hütte, ein Zivilisationsziervogel, aufblasbar, ungefähr von der Größe eines Kalbs. Es ist dies, totes Tier neben rotem Baum, so etwas wie ein Restposten Natur, die wahre "nature morte" in dem Bühnenbild, das Daniel Richter für die Dreißig-Meter-Breite der großen Salzburger Festspielhausbühne gemalt hat. Im Background explodiert gerade die Großstadt, Brücken werden überflutet, Brocken fallen aus schwarzglühenden Hochhäusern. Als ginge sie diese neonkreischende Apokalypse ringsum gar nichts an, lassen die Sängerinnen und Sänger vom Wiener Staatsopernchor, lässig in den noch intakten Wohnblocks aus offenen Fenstern lehnend, fein ausbalanciert etwas von "kühlen, klaren Quellen" und vom "weichen Herbstlaub" verlauten. Sie singen uns ein erhabenes, altes Sonnenwendmärchen. Neun Jägerbrüder werden in neun Hirsche verwandelt und wollen oder können nicht mehr unter Menschen gehen. Ihre Geweihe passen nicht mehr durch die Tür.

          Mit dem ersten Einsatz der Stimmen in seiner "Cantata profana" zitiert Béla Bartók deutlich Bachs "Matthäuspassion", für den Schluss aber hat er eine zauberhaft in die Lüfte sich kräuselnde, natürliche Obertonmelodie "erfunden", der allerdings etwas Unnatürliches anhaftet, weil sich Solo-Tenor Lance Ryan so hoch hinaufschrauben muss. Die Erben Bartóks hatten eine szenische Aufführung der "Cantata profana" untersagt. Kurzfristig wurde Richter engagiert, und so verwandelte sich die Knebelung in eine Befreiung: eine Installation, als still vor sich hin implodierende Antithese. So schmerzhaft schön die bartókschen Chorsätze sind, werden sie noch viel unerträglich schöner durch die "Idyllenverweigerung" dieses Bildes. Er habe, sagt Richter, mit Quellen, Wald und verzauberten Hirschen nichts am Hut: "Lieber möchte ich jeden Tag in Mülltüten wandeln."

          Anders Herzog Blaubart (Falk Struckmann), der in der direkt angedockten Inszenierung von Johan Simons (bei Bartóks einziger Oper ist Inszenieren offiziell erlaubt) alle Türen seiner Burg für die neugierige junge Braut (Michelle DeYoung) öffnen muss. Blaubart will am liebsten zurück zur Natur: Schon wachsen ihm Rabenfedern aus dem Rücken. Die Liebenden monologisieren aneinander vorbei, preisen in aller C-Dur-Herrlichkeit Weite und Freiheit von Berg und Tal, starren dabei hinunter ins Dunkel des Zuschauerrunds und werden am Ende von einem Riesenzauberbaum aus Lichtbahnen und Stofffahnen begraben, ebenfalls von Richter erdacht. Obgleich die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Péter Eötvös arg spröde tun, wird aus diesem Bartók-Abend das bislang aufregendste Stück dieser Salzburger Saison. Und weil Richter alles eigenhändig im Salzburger Malsaal gemalt hat, gehört nun das Bühnenbild juristisch den Festspielen. Ein gutes Geschäft. Intendant Flimm kann im Herbst dreißig Meter Richter Fliese für Fliese verkaufen.

          Als er vor zwei Jahren die rasch vergilbte Ära Ruzicka ablöste, hatte Flimm gleich eine Super-Betriebsfest-Idee: Jede Salzburger Saison kriegte ab sofort ein Motto. Heuer stammt es aus Salomos Hohelied und heißt: „Denn stark wie die Liebe ist der Tod“. Gähn. Wie viele Theaterstücke gibt es, die nicht in diesen Topf passen?

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