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Liebe zu Objekten : Oh du holde Bürste

  • -Aktualisiert am

Meldet sich schon Ihr verzücktes Zahnfleisch: Eine gemeine Kinderzahnbürste samt Utensil Bild: dpa

Wo die Liebe hinfällt: Über die Tendenz, die eigene Gefühlsduseligkeit auf Bereiche zu projizieren, wo sie nun wirklich nichts zu suchen hat.

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          Die Liebe: Was ließe sich über sie nicht alles sagen, wüsste man nur Näheres! Schon bei der Frage, ob es sie überhaupt gibt, gehen die Meinungen auseinander. Glaubt man einem noch recht frischen Filmtitel, dann verhält es sich so mit ihr: „Die Liebe ist eine Baustelle“, das Betreten für Unbefugte also verboten. Aber ihre Existenz einmal guten Glaubens vorausgesetzt, sieht man sich sofort mit den dollsten Sachen konfrontiert: „Mein Zahnfleisch hat sich verliebt“, wirbt ein Zahnreiniger. Wer der oder die Glückliche wohl ist? Die Firma Curaprox verrät es uns: natürlich ihre eigene Zahnbürste! Ohne beide näher zu kennen, nimmt man es doch nicht ohne innere Teilnahme zur Kenntnis, wenn sich mal zwei gefunden haben, die es ernst miteinander meinen, wünscht für die Zukunft alles Gute und überlässt es nüchterneren Zeitgenossen, hier eine gewisse intellektuelle Reserve anzumelden – vielleicht nur weil sie in diesem Bereich selbst nicht so recht vorankommen.

          Die Menschheit, zu der auch die Werbetreibenden gehören, findet schon lange nichts mehr dabei, ihre eigene Gefühlsduseligkeit auf Bereiche zu projizieren, wo sie nun wirklich nichts zu suchen hat, in den Kategorien klassischer Denkkunst: auch dem nachweislich Unbeseelten eine Seele unterzuschieben. Nun, solange dabei niemand zu Schaden kommt. Und was das Zahnfleisch betrifft, so gehört es ja nachweislich zur belebten Materie und verfügt deswegen wahrscheinlich auch über eine Seele oder jedenfalls etwas dieser Ähnliches. Bei der Zahnbürste ist das anders: Dass sie das Subjekt einer Empfindung, bei der es sich ja nicht gleich um Liebe handeln muss, sein könne, würden wohl selbst die Verwegensten nicht behaupten wollen. Jedoch kann sie sehr wohl deren Objekt sein, nachdem sich die Menschheit – übrigens, wie hier ohne jede weitere Wertung festgehalten sei, vor allem deren weiblicher Teil – doch schon in alles Mögliche verliebt hat: in ein Kleid, in eine Hose, in eine Kücheneinrichtung („Bauknecht weiß, was Frauen wünschen“, die Älteren erinnern sich: Damit käme die Werbung heute nicht mehr durch), wo die Liebe eben so hinfällt.

          Es war also nur eine Frage der Zeit, bis auch die Zahnbürste, jedenfalls die von Curaprox, eine über ihren unmittelbaren Gebrauchswert weit, wir meinen: übertrieben weit hinausgehende Wertschätzung erfahren würde. Wenn jeder Mensch einen Lieblingspulli, eine Lieblingsfarbe oder eine Lieblingsserie hat, warum soll er dann nicht auch eine Lieblingszahnbürste haben? So ist das eben: Ohne Leidenschaft geht es selbst bei den einfachsten Lebensverrichtungen nicht mehr. Was wohl noch alles kommt? Mein Hintern hat sich verliebt? Auch hier wäre eine spätere Heirat wohl nicht ausgeschlossen.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

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