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Libyens antikes Erbe : Einladung für Plünderer

  • -Aktualisiert am

Ein Medusenhaupt in Leptis Magna Bild: ASSOCIATED PRESS

Wehe, wenn der Mob kommt: Libyen ist reich an antiken Stätten und Kunstwerken, allein fünf zählen zum Unesco-Weltkulturerbe. Mehr noch als in Ägypten sind sie Plünderungen nahezu schutzlos ausgeliefert.

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          Als sich in Kairo die Demonstranten auf dem zentralen Tahrir-Platz versammelten, bangte man um die Schätze des dortigen Ägyptischen Museums. Die blutigen Auseinandersetzungen in Libyen lassen verständlicherweise im öffentlichen Interesse die bedrohten antiken Schätze des Landes in den Hintergrund treten. Trotzdem muss daran erinnert werden, dass wie in Kairo auch in Tripolis das Nationalmuseum, genannt Saray al-Hamra (rotes Schloss), am Hauptplatz der Stadt steht. Diese Freifläche, auf der sich die Gegner Gaddafis wann immer möglich versammeln, erhielt 2001 den Namen „Midan asch-Schuhada“ (Platz der Märtyrer), der momentan grausige Aktualität gewinnt.

          Was dem Museum momentan droht, nahmen Diebe vor zwanzig Jahren vorweg, als sie während ihres Einbruchs einer antiken Marmorgruppe der drei Grazien die Köpfe abschlugen. Einer konnte sichergestellt werden, ein weiterer ist verschollen, vom dritten heißt es, ihn besitze ein Mitglied der Herrscherclique. Gegenwärtig fordert das „rote Schloss“ Vandalismus geradezu heraus. Denn in der Eingangshalle wurde vor einigen Jahren ein lindgrüner VW-Käfer aufgestellt, in dem Gaddafi 1969 als Offizier Flugblätter zur Vorbereitung des Umsturzes schmuggelte. Sollte der Volkszorn sich an dieser „Reliquie“ austoben, würden die sie umgebenden Antiken mit leiden.

          Gaddafis Selbstvergottung

          Das oberste Geschoss des Hauses ist der jüngeren Landesgeschichte gewidmet, die Exponate dokumentieren den Widerstand gegen die italienische Kolonialherrschaft und den Sturz von König Idris durch die Gruppe junger Offiziere um Muammar al Gaddafi. Man kann sich ausmalen, was den Antiken in den beiden unteren Etagen zustößt, wenn eine enthemmte Menge zwischen ihnen nach oben stürmt.

          Das beeindruckende römische Theater in Sabrata stammt aus dem dritten Jahrhundert n. Chr.
          Das beeindruckende römische Theater in Sabrata stammt aus dem dritten Jahrhundert n. Chr. : Bild: REUTERS

          In den vielen kleineren Museen des Landes spielt die Selbstvergottung Gaddafis keine Rolle. Dennoch sind auch deren Bestände bedroht: Durch gewöhnlichen Raub, wie er schon in Friedenszeiten blühte. Die Gebäude und Magazine sind meist mit Blechtüren verschlossen, die keinem Brecheisen widerstehen, so wenig wie die wenigen zusätzlichen Vorhängeschlösser. Alarmanlagen fehlen. Wer sollte momentan auch anrücken, wenn es sie gäbe?

          Haben die libyschen Behörden durch Blockade der Kommunikationswege dafür gesorgt, dass keine zuverlässigen Informationen über die Revolte außer Landes gelangen, so gilt dies erst recht für die abgelegenen antiken Stätten. Museumsdirektoren und örtliche Inspektoren sind unerreichbar und dürften derzeit andere Sorgen haben als das Wahrnehmen ihrer beruflichen Pflichten. Eine Tragödie, denn in Libyen zählen fünf Stätten zum Unesco-Weltkulturerbe.

          Es verschwanden immer wieder Kunstwerke

          Dafür, dass mit dem Schlimmsten zu rechnen ist, spricht, dass selbst zu Zeiten, als Gaddafi noch fest im Sattel saß, nahezu jedes Museum oder Grabungsmagazin Einbrüche verzeichnen musste. Antike Freigelände sind dem Vandalismus ohnehin schutzlos ausgeliefert. Krasses Beispiel dafür sind die prähistorischen Wandmalereien und Felsreliefs im nördlichen Akakusgebirge - seit 1985 Weltkulturerbe -, die im April 2009 durch Sprühparolen irreparabel geschädigt wurden. Auch die weitläufigen Ruinenstätten der Küstenregion ließen sich nie effizient schützen.

          Ihre Maschendrahtzäune waren schon vor Ausbruch der Unruhen eingerissen oder niedergetrampelt. Aus den Ruinen von Kyrene, ebenfalls Weltkulturerbe, dem der nordöstliche Landesteil den Titel Kyrenaika verdankt, verschwanden immer wieder Kunstwerke. Als in den neunziger Jahren der Kopf einer Nike oder Tyche von einem römisch antiken Siegesmonument geraubt wurde, magazinierte man ein Großteil der Skulpturen. Seit einigen Jahren ist ein ehemaliges Magazin inmitten des Areals zum Museum ausgebaut. Viele der Stücke dort haben handliches Format, lassen sich also gut entwenden und leicht in den Kunsthandel einschleusen.

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