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Liao Yiwu über Repressionen in China : „Vermisst“ ist das häufigste Suchwort im Netz

  • -Aktualisiert am

„Es ist meine Pflicht, der Welt die Augen zu öffnen über dieses China“: Der Schriftsteller Liao Yiwu ist seit 2011 in Deutschland im Exil Bild: picture alliance / dpa

Ich bin zum Heimatlosen geworden, um der Welt die Wahrheit über meine Heimat zu erzählen: China befindet sich in der dunkelsten Periode seit dem Massaker von 1989.

          7 Min.

          Yunnan liegt an der Grenze zu vielen Ländern Südostasiens, der Mekong und der Nu-Fluss durchziehen die Provinz und setzen ihren Weg in die Nachbarländer fort. Wenn einer wie ich Yunnans Erde betritt, verliert er sich daher leicht in Tagträumen, denn schließlich wurde ich bereits sechzehnmal am Verlassen unserer Landesgrenzen gehindert. Hier jedoch überqueren täglich die unterschiedlichsten ethnischen Volksgruppen der chinesischen Randgebiete die Grenzen, sie überschreiten sie für den Warenverkehr, zur Heirat, zum Glücksspiel und zur Prostitution, sogar zum Drogenhandel. Und schon vor hundertfünfzig Jahren überschritten westliche Missionare die Grenzen, um Gottes Frohe Botschaft in diese schroffe wie paradiesische Berglandschaft zu tragen.

          Das sind unzählige Fälle illegaler Grenzüberschreitung! Ohne Pass und ohne Visum - solange man Geld in der Tasche hat, geht alles. Vorübergehend verzichtet man auf sein Handy und seine Verbindung zur zivilisierten Welt und stiehlt sich heimlich in ein eingefriedetes Dorf, sucht sich einen Grenzbewohner oder gleich einen Menschenschmuggler, handelt einen Preis aus und schlüpft dann selbst von Göttern und Geistern unbemerkt über die Grenze. Wahrscheinlich haben es die westlichen Missionare damals genauso gemacht. Sie hatten ihre Heilige Schrift, Geld oder Medizin anzubieten, und das reichte. Doch mir stand der Weg der heimlichen Grenzüberschreitung nicht offen.

          In einem Wagen ohne Kennzeichen entführt

          Nachdem letztes Jahr mit der „Jasmin-Revolution“ überall in der arabischen Welt Bewegungen zum Sturz der diktatorischen Regime entstanden, fanden sich auch in China binnen kürzester Zeit zuhauf Protestaufrufe im Internet und auf dem Höhepunkt sogar Parolen, die zur Revolution aufriefen. Selbst in den Geschäftszentren der großen Städte tauchten sie auf. Als erste öffentliche Zusammenkünfte einberufen wurden, wurde die Partei nervös. Schon legte sich das Militär Zivilkleidung an und erwartete die Demonstranten an jeder Straßenecke mit Waffen im Anschlag. Ran Yunfei wurde verhaftet, Ai Weiwei wurde verhaftet. Liu Xianbin wurde zu zehn Jahren Gefängnishaft verurteilt. Derselbe Liu Xianbin, der erst zwei Jahre zuvor nach dreizehn Jahren Haft entlassen worden war. Die schlechten Nachrichten häuften sich.

          Meine Freunde, die Menschenrechtsanwälte Teng Biao und Jiang Tianyong, die zur Verteidigung der zu Unrecht Inhaftierten angetreten waren, wurden auf offener Straße von maskierten Unbekannten in einem Wagen ohne Kennzeichen entführt und an einen unbekannten Ort verschleppt. Mein Schriftstellerkollege Yu Jie, der öffentlich die Absicht geäußert hatte, eine „kritische Biographie“ Liu Xiaobos zu publizieren, wurde für mehrere Monate unter Hausarrest gestellt und eines Tages von einer Gruppe Maskierter entführt und zusammengeschlagen.

          Für ihn ist Freiheit der Rede und der Publikation wichtiger als alles andere, manchmal sogar wichtiger als das eigene Leben: Liao Yiwu während einer Signierstunde in Deutschland

          China ist zu einer kriminellen Unterwelt verkommen, in der man ohne jeden Grund Menschen verschleppen kann. „Vermisst“ ist in jüngster Zeit zu einem der häufigsten Schlagwörter im chinesischen Internet avanciert. Die Schriftstellerin Liu Di hatte beim Anblick des „Apple Store“ in der Nähe von Pekings Sanlitun-Bezirk die Idee, einen Aufruf zu veröffentlichen, in dem das nächste Treffen der „Jasmin-Revolution“ am Eingang zum „Apple Store“ in Sanlitun angekündigt wurde. Liu Di hatte sich einen Spaß machen wollen, aber nicht damit gerechnet, welchen Ärger sie sich damit einhandelte. Nur zwei Stunden später stand die Polizei vor ihrer Tür, um sie festzunehmen. Auf der lokalen Polizeiwache versuchte sie sich zu erklären und gestand, dass es sich nur um einen Scherz handelte, aber man schenkte ihr keinen Glauben. So blieb sie in Polizeigewahrsam, bis der Termin der „Neuen Jasmin-Revolution“ verstrichen war. Erst als ein Informant bestätigte, dass nichts passiert sei und sie ein schriftliches „Zeugnis meiner Reue“ abgelegt hatte, durfte sie nach Hause gehen.

          Ich gehe nur selten ins Internet und mit der „Jasmin-Revolution“ habe ich nichts zu tun. Aber ich saß schon im Gefängnis ein, bin ein ehemaliger politischer Häftling und habe einen autobiographischen Bericht über die Brutalität in chinesischen Gefängnissen geschrieben. Zweimal wurde mein Manuskript beschlagnahmt. Als die chinesischen Behörden erfuhren, dass „Für ein Lied und hundert Lieder“ gleichzeitig in Deutschland und Taiwan erscheinen sollte, bekam ich regelmäßig Besuch von der Polizei, die mich vorübergehend unter Hausarrest stellte und mir unmissverständlich mitteilte, dass diese Buchveröffentlichung gegen chinesisches Recht verstoße. Sollte ich darauf bestehen, würde ich wieder ins Gefängnis wandern. Sie erwähnten auch mein anderes Buch „Gott ist rot“, und unterstellten, dass das Buch unter dem Deckmantel einer historischen Dokumentation der Aufwiegelung verbotener religiöser Gemeinschaften diene und mit den staatsfeindlichen Aktivitäten der „Jasmin-Revolution“ sympathisiere.

          Er muss aus dem Gefängnis namens China raus

          Am 28. März 2011 wurde aufs Neue ein behördliches Ausreiseverbot über mich verhängt, dabei hatte ich gerade mehrere Einladungen zu Literaturfestivals in Europa und Amerika erhalten. Die Flugtickets konnte ich wegwerfen. Aus Rücksicht auf meine persönliche Sicherheit verschoben meine Verleger in Deutschland, Amerika und Taiwan den Erscheinungstermin des Buchs immer weiter nach hinten.

          Für einen Schriftsteller, besonders für einen, der zum Zeugen der Schrecken dieses Zeitalters wurde, ist die Freiheit der Rede und der Publikation wichtiger als alles andere, manchmal sogar wichtiger als das eigene Leben. Mein alter Freund Liu Xiaobo zahlt seinen Preis dafür und sitzt im Gefängnis. Aber ich will nicht noch einmal ins Gefängnis, und schon gar nicht will ich für diejenigen, die außerhalb der Gefängnismauern sind, zum „Symbol der Freiheit“ werden. Ich musste raus aus diesem Gefängnis namens China, um endlich schreiben und veröffentlichen zu können, was ich will. Es ist meine Pflicht, der Welt die Augen zu öffnen über dieses China. Das sich hinter dem trügerischen Glanz seines Wirtschaftsaufschwungs versteckt. Dieses China, in dem hinter der Apathie die Wut der Bevölkerung kocht. Über diesen immer weiter anwachsenden Müllhaufen namens China, der mit dem Dreck seines heruntergekommenen Wertesystems die Menschheit verschmutzt.

          Nun folgt der dritte Stolperstein

          Wir befinden uns in der schwärzesten Periode Chinas seit dem Tiananmen-Massaker vom Juni 1989. Früher habe ich meine Hoffnungen noch auf Bemühungen des Westens gesetzt. Bis mir Diplomaten verschiedener Länder eines Tages mitteilten, dass ihre Vermittlungsversuche vergeblich waren. Es sei nichts zu machen, „die Kommunistische Partei ist verrückt geworden“, sagten sie. Die Partei habe ja schon gegenüber der „Jasmin-Revolution“ jede Verhandlung von Menschenrechtsthemen abgelehnt, weil „alle Forderungen im Namen der Menschenrechte im Grunde den Machtverzicht der Partei fordern“. Das komme heraus, wenn der Westen China nur als Handelspartner betrachte, entgegnete ich den Diplomaten. Ihre Antwort war ein bitteres Lachen.

          Es ist Zeit, etwas zu unternehmen. Ich bin jetzt dreiundfünfzig, habe also schon das Alter erreicht, über das Konfuzius sagt, dass man nun „seine Bestimmung kennt“. Ich habe in meinem Leben schon zweimal eine Hürde nehmen müssen. Einmal 1960, als ich als Zweijähriger fast verhungert wäre, in einer Zeit, in der in China Zehntausende verhungerten. Dann 1989, als ich gewagt hatte, die Tonbandaufnahme meines Gedichts „Massaker“ zu verbreiten, und dafür ins Gefängnis kam, wo ich mehrmals versuchte, mit das Leben zu nehmen. Nun hatte man mir den dritten Stolperstein in den Weg gelegt und ich war entschlossen, ihn zu überwinden. Ich musste gehen, um die Wahrheit aufzuschreiben.

          Drei Visa und ein abgestelltes Handy

          Ich nahm drei alte Kupfermünzen und warf sie sechsmal in die Luft. Anschließend schlug ich im „Buch der Wandlungen“ die Erläuterung des Hexagramms nach. In China kommt dem Prinzip des Tao, das für gewöhnlich mit „Weg“ übersetzt wird, eine besondere Bedeutung zu. Im „Taoteking“ des Philosophen Laotse heißt es: „Das Tao, das man benennen kann, ist nicht das wahre Tao.“ Das bedeutet, dass man die Wege des Himmels zwar benennen kann, aber nicht mit gewöhnlichen Worten. Zum anderen bedeutet es, dass man die Wege des Himmels zwar beschreiten kann, aber nicht mit gewöhnlichen Schritten. Also griff ich zu ungewöhnlichen Schritten. Zunächst gab ich es auf, in zähen Verhandlungen mit der Polizei die Vorschriften zu umgehen und mit ihnen einen Deal auszuhandeln, damit sie mich gehen ließen. Dann floh ich in die Berge Yunnans.

          Ich habe viel zu lange am unteren Rand der Gesellschaft herumgelungert, weshalb ich überhaupt nicht wie ein Schriftsteller wirke. Und ich bin auch keine populäre Persönlichkeit, die sich ständig im Internet zu Wort meldet. Aber ich kenne die dunkelsten Winkel Chinas, und nach einigen Umwegen fand ich tatsächlich den Ausgang in die Freiheit. Ich beschaffte mir ein deutsches, ein amerikanisches und ein vietnamesisches Visum, und es gelang mir, obwohl ich mein Handy abstellen musste, heimlich mit meiner Freundin Tienchi Martin-Liao in Deutschland Kontakt aufzunehmen. Wenige Tage später erreichte ich ein Grenzstädtchen. Auf der anderen Seite des Grenzflusses lag Vietnam. Mehrere Schmugglerboote setzten in dieser Nacht heimlich über den Strom. Ich jedoch bevorzugte es, über die Brücke zu gehen und das Land durch den Hafenzoll zu verlassen.

          Tausende Hände zerren an ihm

          Es war eine stürmische und regnerische Nacht. Am nächsten Tag machte ich mich zur Grenze auf. Ich hatte befürchtet, man würde mich abfangen und angreifen, aber wie durch ein Wunder kam ich unbehelligt durch die Kontrollen. Am Ende der Brücke erwartete mich ein Fluchthelfer. Er hatte mir einen lokalen Führer besorgt. Den Nachmittag verbrachte ich auf den Pfaden des alten Vietnam und stattete einem Konfuziustempel einen Dankesbesuch ab. Bei Anbruch der Dunkelheit bestieg ich einen dieser schmalen, alten Dampfzüge nach Hanoi. Die altmodische Eisenbahn versetzte mich ins China von 1980 zurück, als ich, gerade zwanzigjährig, häufig in solchen Zügen durchs Land fuhr, Allen Ginsbergs Gedicht „Das Geheul“ in der Jackentasche.

          Ich kam mir vor wie ein chinesischer Hinterwäldler, wagte nicht, ein Auge zuzumachen oder das Obst anzunehmen, das mir ein vietnamesisches Tantchen anbot. Ich behielt meine Wachsamkeit bei. Gegen vier Uhr morgens trudelte der schnaufende Zug nach vielen Zwischenhalten endlich in Hanoi ein. Ich stieg im Strom der grauen Menschenmassen aus. Auf dem Bahnsteig zerrten tausend Hände an mir; ich konnte mich mit Worten nicht verständlich machen, also riss ich mich los und schlüpfte hinaus. Ich bestieg ein übelriechendes Taxi, dessen Taxameter nach wenigen Minuten schon fast eine Million vietnamesische Dong anzeigte.

          Nicht mehr als ein paar vietnamesische Dong

          Ich reichte dem Fahrer einen auf Vietnamesisch geschriebenen Zettel und er ließ mich im Zentrum Hanois aussteigen. Mit meinem Trekkingrucksack auf dem Rücken wanderte ich durch die kleinen Gassen, die sich spinnennetzartig vom See her ausbreiteten. Hier und da stand die Tür eines Hotels offen. Ich brachte eine gute Stunde zu, bis ich nach fünf Anläufen schließlich eine Bleibe fand.

          Es war heiß. Erst nachdem ich den Ventilator in Gang gesetzt und mich nackt bis auf die Haut ausgezogen hatte, fühlte ich mich wohler. Ich wähnte mich in Sicherheit. Schließlich gab es in dieser lebhaften Stadt Tausende kleiner Hotels wie meins, es würde der Partei kaum gelingen, mich aus diesem großen Meer herauszufischen.

          Ein neuer Tag brach an. Ich aber hielt die Läden fest geschlossen. So wartete ich in meiner engen Behausung wie ein Baby im Mutterleib auf mein neues Leben. Drei Tage später bestieg ich ein Flugzeug nach Deutschland. Der vietnamesische Zoll hatte mich zuvor um 10 000 Yuan, gut 1100 Euro, erpresst - sie drohten mir, mich sofort den chinesischen Behörden ans Messer zu liefern, wenn ich nicht ein überteuertes Rückflugticket kaufte - und ich hatte nichts mehr als ein paar wertlose vietnamesische Dong in der Tasche. Als die Flugzeugturbinen aufheulten, fühlte ich mich, als wollte mein Innerstes bersten. Vor meinen Augen tauchte die Szene auf, wie mich an einem Morgen im März 2010 bewaffnete Milizen mit Gewalt aus der Kabine eines Flugzeugs entführten.

          Der Albtraum ging schnell vorüber. Ich wusste, ich war in Hanoi, der Hauptstadt eines anderen sozialistischen Staates. Wir hoben ab, und mit meinen dreiundfünfzig Jahren wurde ich über den Wolken noch einmal geboren. Getrennt von China, bin ich, der ich immer wieder eingesperrt wurde, vom Schicksal nun dazu verurteilt, heimatlos durch die Welt zu ziehen.

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