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Liao Yiwu über Repressionen in China : „Vermisst“ ist das häufigste Suchwort im Netz

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Tausende Hände zerren an ihm

Es war eine stürmische und regnerische Nacht. Am nächsten Tag machte ich mich zur Grenze auf. Ich hatte befürchtet, man würde mich abfangen und angreifen, aber wie durch ein Wunder kam ich unbehelligt durch die Kontrollen. Am Ende der Brücke erwartete mich ein Fluchthelfer. Er hatte mir einen lokalen Führer besorgt. Den Nachmittag verbrachte ich auf den Pfaden des alten Vietnam und stattete einem Konfuziustempel einen Dankesbesuch ab. Bei Anbruch der Dunkelheit bestieg ich einen dieser schmalen, alten Dampfzüge nach Hanoi. Die altmodische Eisenbahn versetzte mich ins China von 1980 zurück, als ich, gerade zwanzigjährig, häufig in solchen Zügen durchs Land fuhr, Allen Ginsbergs Gedicht „Das Geheul“ in der Jackentasche.

Ich kam mir vor wie ein chinesischer Hinterwäldler, wagte nicht, ein Auge zuzumachen oder das Obst anzunehmen, das mir ein vietnamesisches Tantchen anbot. Ich behielt meine Wachsamkeit bei. Gegen vier Uhr morgens trudelte der schnaufende Zug nach vielen Zwischenhalten endlich in Hanoi ein. Ich stieg im Strom der grauen Menschenmassen aus. Auf dem Bahnsteig zerrten tausend Hände an mir; ich konnte mich mit Worten nicht verständlich machen, also riss ich mich los und schlüpfte hinaus. Ich bestieg ein übelriechendes Taxi, dessen Taxameter nach wenigen Minuten schon fast eine Million vietnamesische Dong anzeigte.

Nicht mehr als ein paar vietnamesische Dong

Ich reichte dem Fahrer einen auf Vietnamesisch geschriebenen Zettel und er ließ mich im Zentrum Hanois aussteigen. Mit meinem Trekkingrucksack auf dem Rücken wanderte ich durch die kleinen Gassen, die sich spinnennetzartig vom See her ausbreiteten. Hier und da stand die Tür eines Hotels offen. Ich brachte eine gute Stunde zu, bis ich nach fünf Anläufen schließlich eine Bleibe fand.

Es war heiß. Erst nachdem ich den Ventilator in Gang gesetzt und mich nackt bis auf die Haut ausgezogen hatte, fühlte ich mich wohler. Ich wähnte mich in Sicherheit. Schließlich gab es in dieser lebhaften Stadt Tausende kleiner Hotels wie meins, es würde der Partei kaum gelingen, mich aus diesem großen Meer herauszufischen.

Ein neuer Tag brach an. Ich aber hielt die Läden fest geschlossen. So wartete ich in meiner engen Behausung wie ein Baby im Mutterleib auf mein neues Leben. Drei Tage später bestieg ich ein Flugzeug nach Deutschland. Der vietnamesische Zoll hatte mich zuvor um 10 000 Yuan, gut 1100 Euro, erpresst - sie drohten mir, mich sofort den chinesischen Behörden ans Messer zu liefern, wenn ich nicht ein überteuertes Rückflugticket kaufte - und ich hatte nichts mehr als ein paar wertlose vietnamesische Dong in der Tasche. Als die Flugzeugturbinen aufheulten, fühlte ich mich, als wollte mein Innerstes bersten. Vor meinen Augen tauchte die Szene auf, wie mich an einem Morgen im März 2010 bewaffnete Milizen mit Gewalt aus der Kabine eines Flugzeugs entführten.

Der Albtraum ging schnell vorüber. Ich wusste, ich war in Hanoi, der Hauptstadt eines anderen sozialistischen Staates. Wir hoben ab, und mit meinen dreiundfünfzig Jahren wurde ich über den Wolken noch einmal geboren. Getrennt von China, bin ich, der ich immer wieder eingesperrt wurde, vom Schicksal nun dazu verurteilt, heimatlos durch die Welt zu ziehen.

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