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Liao Yiwu über Repressionen in China : „Vermisst“ ist das häufigste Suchwort im Netz

  • -Aktualisiert am

Nun folgt der dritte Stolperstein

Wir befinden uns in der schwärzesten Periode Chinas seit dem Tiananmen-Massaker vom Juni 1989. Früher habe ich meine Hoffnungen noch auf Bemühungen des Westens gesetzt. Bis mir Diplomaten verschiedener Länder eines Tages mitteilten, dass ihre Vermittlungsversuche vergeblich waren. Es sei nichts zu machen, „die Kommunistische Partei ist verrückt geworden“, sagten sie. Die Partei habe ja schon gegenüber der „Jasmin-Revolution“ jede Verhandlung von Menschenrechtsthemen abgelehnt, weil „alle Forderungen im Namen der Menschenrechte im Grunde den Machtverzicht der Partei fordern“. Das komme heraus, wenn der Westen China nur als Handelspartner betrachte, entgegnete ich den Diplomaten. Ihre Antwort war ein bitteres Lachen.

Es ist Zeit, etwas zu unternehmen. Ich bin jetzt dreiundfünfzig, habe also schon das Alter erreicht, über das Konfuzius sagt, dass man nun „seine Bestimmung kennt“. Ich habe in meinem Leben schon zweimal eine Hürde nehmen müssen. Einmal 1960, als ich als Zweijähriger fast verhungert wäre, in einer Zeit, in der in China Zehntausende verhungerten. Dann 1989, als ich gewagt hatte, die Tonbandaufnahme meines Gedichts „Massaker“ zu verbreiten, und dafür ins Gefängnis kam, wo ich mehrmals versuchte, mit das Leben zu nehmen. Nun hatte man mir den dritten Stolperstein in den Weg gelegt und ich war entschlossen, ihn zu überwinden. Ich musste gehen, um die Wahrheit aufzuschreiben.

Drei Visa und ein abgestelltes Handy

Ich nahm drei alte Kupfermünzen und warf sie sechsmal in die Luft. Anschließend schlug ich im „Buch der Wandlungen“ die Erläuterung des Hexagramms nach. In China kommt dem Prinzip des Tao, das für gewöhnlich mit „Weg“ übersetzt wird, eine besondere Bedeutung zu. Im „Taoteking“ des Philosophen Laotse heißt es: „Das Tao, das man benennen kann, ist nicht das wahre Tao.“ Das bedeutet, dass man die Wege des Himmels zwar benennen kann, aber nicht mit gewöhnlichen Worten. Zum anderen bedeutet es, dass man die Wege des Himmels zwar beschreiten kann, aber nicht mit gewöhnlichen Schritten. Also griff ich zu ungewöhnlichen Schritten. Zunächst gab ich es auf, in zähen Verhandlungen mit der Polizei die Vorschriften zu umgehen und mit ihnen einen Deal auszuhandeln, damit sie mich gehen ließen. Dann floh ich in die Berge Yunnans.

Ich habe viel zu lange am unteren Rand der Gesellschaft herumgelungert, weshalb ich überhaupt nicht wie ein Schriftsteller wirke. Und ich bin auch keine populäre Persönlichkeit, die sich ständig im Internet zu Wort meldet. Aber ich kenne die dunkelsten Winkel Chinas, und nach einigen Umwegen fand ich tatsächlich den Ausgang in die Freiheit. Ich beschaffte mir ein deutsches, ein amerikanisches und ein vietnamesisches Visum, und es gelang mir, obwohl ich mein Handy abstellen musste, heimlich mit meiner Freundin Tienchi Martin-Liao in Deutschland Kontakt aufzunehmen. Wenige Tage später erreichte ich ein Grenzstädtchen. Auf der anderen Seite des Grenzflusses lag Vietnam. Mehrere Schmugglerboote setzten in dieser Nacht heimlich über den Strom. Ich jedoch bevorzugte es, über die Brücke zu gehen und das Land durch den Hafenzoll zu verlassen.

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